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Ganz einsam auf der Bühne

Ganz einsam auf der Bühne

Benjamin Brittens Violinkonzert, opus 15, ist ein schwieriges Werk - technisch und musikalisch. Aber Dirigent Joongbae Jee, die Trierer Philharmoniker und der kurzfristig eingesprungene Solist Linus Roth bewältigten im 2. Sinfoniekonzert nicht nur die Anforderungen der Partitur, sondern beschworen vor gut 600 Besuchern auch die Trauer und Einsamkeit in dieser Musik.

Trier. Nein, eine Musik für heitere Gemüter ist Benjamin Brittens Violinkonzert, opus 15, ganz sicher nicht. Schon in den einleitenden Paukenschlägen hat Britten etwas Angstvoll-Bedrohliches mitkomponiert. Diese Musik aus dem Jahr 1939 ist wie ein historischer Seismograph, eine Vorahnung des kommenden Unheils.
Deutlich und transparent


Das klingt in Joongbae Jees Dirigat mit, ohne dass sich Triers Erster Kapellmeister in düsteres Pathos geflüchtet hätte. Schon in der einleitenden, illustrativ-heiteren "Wespen"-Ouvertüre von Ralph Vaughan Williams war deutlich geworden, worauf Jee zielt: auf Deutlichkeit und Transparenz, aber auch Beweglichkeit und Organik des Musizierens. Im Licht dieser Interpretation entfaltet Britten eine eindringliche Spannweite zwischen ironischem Marschtritt und zartester Versöhnlichkeit.
Und dazu Geiger Linus Roth. Der kurzfristig eingesprungene Solist lässt stellenweise Vorsicht walten und steht doch ganz über den Anforderungen dieser Partie. Sein Ton ist schmal, aber nicht spröde, die Intonation auch in höchsten Lagen perfekt. Aber Roth distanziert sich von aller Virtuosenbrillanz und kommt sogar in extremer Höhe ohne forcierte Artistik aus.
Die große Kadenz am Ende des Mittelsatzes, keine Basis virtuoser Selbstdarstellung und eher ein kompositorisches Resümee - Roth spielt sie perfekt und doch leise, introvertiert. Bei Solist, Dirigent und den beeindruckend präsenten Trierer Philharmonikern klingt das Verstörte, Ausweglose in diesem Konzert mit. Und wenn sich Roth am Ende der abschließenden Passacaglia akustisch und thematisch immer weiter vom Orchester abhebt und in höchsten Lagen endet, dann klingt es, als stünde er ganz verlassen auf dem Podium. So unromantisch beklemmend ist Einsamkeit selten ausmusiziert worden.
Keine Butzenscheiben-Idylle


Nach der Pause Mendelssohns Dritte in einer älteren, Londoner Fassung. Auch hier bewährten sich die Sorgfalt und Hellhörigkeit des Dirigenten, bewährten sich Aufmerksamkeit und Engagement der Philharmoniker. Sogar in den Kantilenen von Einleitung und langsamem Satz bleibt dieser Mendelssohn frei von Sentimentalität und frei von Butzenscheiben-Idylle. Bei Jee beschwört diese Musik nicht das Glück im Winkel, sie erhält einen kosmopolitischen Zug - Weltmusik, lange bevor es den Begriff gab. Und die heikle Coda - bei Jee entfaltet sie eine mitreißende Aufbruchsstimmung. So revolutionär kann Mendelssohn sein!