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Ganz nah bei den Hörern

Ganz nah bei den Hörern

Grandios: Cellokompositionen von Sofia Gubaidulina in der Philharmonie

Luxemburg Normalerweise formieren sich Ensembles und suchen sich dann ihr Repertoire. In der Philharmonie lief es umgekehrt ab. Es war die wunderbare Cellomusik von Sofia Gubaidulina, die den Anstoß gab für die 12 Cellisten, sich als Ensemble zu formieren. Jetzt stellte sich die neue Formation im fast voll besetzten Kammermusiksaal erstmals vor - mit der einzigartigen Musik einer großen Komponistin.
Die ziemlich umständliche Bezeichnung "Les vioncellistes de l`'Orchestre Philharmonique du Luxembourg" ist so etwas wie eine Dachmarke. Nicht alle Cellisten dieser Formation spielen im luxemburgischen Staatsorchester. Gemeinsam indes ist allen eine bemerkenswert hohe Qualifikation und nicht zuletzt die Begeisterung für Gubaidulinas herrliche Musik.
Mitinitiator Marcin Sieniawski lebt in Hannover. Er ist dort Cellist im renommierten Szymanowski-Streichquartett, das mit Gubaidulina seit Jahren zusammenarbeitet. Ihr 3. Streichquartett schrieb sie für dieses Ensemble. "Ihre Stücke leben mit uns", sagt Sieniawski. "Es ist eine absolut phänomenale Musik. Und sie kommt mit so vielen Ideen. Ihre Kompositionen gehen weit hinaus über das, was man Neue Musik nennt. Bei Gubaidulina gibt es eine musikalische Rhetorik, die bis zu den Anfängen der Oper zurückreicht. Und ihre Musik befindet sich im Einklang mit der Natur."
Gubaidulinas Werke lösen solche Vorgaben wie selbstverständlich ein. Es sind Kompositionen mit hohem intellektuellen Anspruch. Und doch schwingt in ihnen eine ganz unvermittelte, natürliche Musikalität mit. Die an sich atonale Harmonik stützt sich immer wieder auf Intervalle, die als konsonant erlebt werden - Terzen, Sexten, sogar Tritonus-Intervalle. Auf dieser harmonischen Basis entfaltet die Komponistin Klangbilder von enormem Ideenreichtum. Fast ist es die Quadratur des Kreises: Gubaidulina komponiert kompromisslos modern und spricht doch ganz unmittelbar die Gefühlswelt der Hörer an.
"Am Rande des Abgrunds" von 2002 - der Titel bereits signalisiert Angst und Gefahr. Und tatsächlich verbindet Gubaidulina in diesem Werk gefährlich hohe Cello-Lagen mit den Hochfrequenzen der eigens konstruierten "waterphones". Es sind Klänge, denen die gewohnte Stabilität abhanden kam. Diese Musik lässt spüren, wie stark sie bedroht ist von Absturz und Versagen. Umgekehrt beschwört die Komposition mit dem visionären Titel "Die tanzende Sonne" das Bild einer sich entfaltenden, natürlichen Lichtquelle - strahlkräftig und beweglich zugleich. Das Werk ähnelt einer Folge von entwickelnden Variationen - ein dynamischer, aber auch immer wieder von Rückblicken durchbrochener Prozess. Und mit dem "Labyrinth" von 2011 hat Gubaidulina ein Werk geschrieben, dessen Einzelteile sich immer wieder anders zusammenfügen, wie in einem Kaleidoskop. Man erlebt die Komposition aus immer neuen Perspektiven. Der zurückliegende Weg erscheint schlüssig, der kommende indes ist nicht auszurechnen. Wie im Labyrinth.
Die Cellisten - je nach Werk sieben, acht und zwölf - nahmen sich der großen Musik mit überragender Kompetenz an. Das Ensemble strahlt eine geradezu bedrängende Energie und Überzeugungskraft aus.
BIOGRAFIE SOFIA GUBAIDULINA


Extra

(mö) Sofia Gubaidulina wurde 1931 in Tschistopol (Tatarische Republik) geboren. 1954 beendete sie ihre Ausbildung am Konservatorium von Kasan und setzte bis 1959 ihr Kompositionsstudium am Moskauer Konservatorium fort. Seit 1963 ist sie freischaffende Komponistin. Gubaidulina gehört mit Alfred Schnittke und Edison Denissow zu den führenden Vertretern der Neuen Musik aus der ehemaligen Sowjetunion. Seit ihrer Übersiedlung nach Deutschland 1992 zählt sie zu den am häufigsten gespielten und am meisten ausgezeichneten Komponistinnen und Komponisten der Gegenwart.