Geborgenheit in Lehm

Geborgenheit in Lehm

TRIER. Erst war es Pisa, jetzt sind es die fehlenden Eliten, die Deutschlands Bildungsplanern den Schlaf rauben. Geflissentlich übersehen wird bei all der Hektik, dass bereits im frühesten Kindesalter grundgelegt wird, was später den leistungs- und sozialfähigen Schüler ausmacht. Kindergärten und -tagesstätten spielen dabei eine immer größere Rolle.

"Ein Kind wird maßgeblich in seinen ersten zehn Jahren geprägt", weiß die Entwicklungsforschung. Mindestens drei Jahre davon verbringt es heute in der Regel im Kindergarten. In Zukunft werden es eher noch mehr sein, wie die stetig steigende Nachfrage nach Krippenplätzen für Säuglinge und Krabbelkinder belegt. Schon jetzt muss die Tagesstätte vielen Kindern die Familie, das eigene Zimmer, den Garten und die Alltagswelt ersetzen. Sie ist Vorschule, Integrationsmodell für den Nachwuchs der Multi-Kulti-Gesellschaft, und gerade an sozialen Brennpunkten soll sie Schutzraum für Entwicklung bieten. Das Beste an Pädagogik und Architektur müsste da gerade gut genug sein, damit Kinder "ihrem ganzen Wesen nach" gefördert werden können."Billig" ist oft die zentrale Plangröße

Nicht dass Politiker nicht auf die Lage des kleinkindlichen Teils der Nation reagiert hätten. Schließlich weiß jeder Sozialpolitiker, dass er Punkte sammeln kann, wenn er für Kinderbetreung möglichst ganztags sorgt. Stolze zehn Milliarden Euro läßt sich die Republik denn auch jährlich ihre Kindergärten kosten, wovon den Löwenanteil von 8,5 Milliarden Euro die Länder und Kommunen tragen, den Rest übernehmen die freien Träger. Seit 1996 hat zudem jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr einen gesetzlich verankerten Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Über die Qualität der Einrichtung sagen die sozialpolitisch gut verkäuflichen Angebote freilich nichts. Im Gegenteil: Wer genau hinsieht, erkennt leicht: Schon beim Kindergartenbau fängt es an. "Billig" ist vielerorts die zentrale Planungsgröße. Dabei geht es auch anders. Wie gute zukunftsweisende Kindertagesstätten aussehen sollten, haben jetzt Horst Gralle und Christian Port in ihrem an Beispielen reichen Buch "Bauten für Kinder" gezeigt. " Ganz wichtig ist es beim Kindertagesstättenbau, die Kosten so günstig wie möglich zu halten und dabei doch qualitätvoll und kinderfreundlich zu bauen", fordern die Architekten aus Kaiserslautern. Mit niederen Handläufen, Mini-Waschbecken und buntem Anstrich ist es freilich nicht getan. "Die größte Herausforderung ist die räumliche Umsetzung der pädagogischen Konzepte. Da ist die Mitarbeit der Betreuer ganz wichtig." Allerdings müssten die Räume so flexibel sein, dass sie auch noch funktionierten, wenn sich die Pädagogik ändere. Unverzichtbar sind für Gralle überdies langlebige Materialien "mit hoher haptischer Qualität", also Wände, Fußböden und Möbel, die sich gut anfühlen und in denen sich die Kinder wohlfühlen. Das tun sie in den "Lehmbauten" von Gernot Minke. "Der umweltfreundliche Lehm reguliert äußerst günstig den Feuchtigkeitsaustausch in den Räumen" sagt der Architekturprofessor, der an der Universität Kassel ein Forschungslabor für experimentelles Bauen leitet. Und mehr noch: Die kuscheligen Lehmkuppeln seines mit einem Grasdach bewachsenen Waldorffkindergartens im niedersächsischen Wenningsen-Sorsum vermitteln Geborgenheit und bauen Aggressionen ab.Die Bauweise mindert den Lärmpegel

"Der Lärmpegel nimmt ab." Eine besondere Attraktion bietet Minkes neuer Kindergarten in Oranienburg-Eden bei Berlin. Dessen Mehrzweckraum krönt eine sieben Meter hohe Kuppel aus Lehmziegeln, unter deren lichten Weite von elf Metern Theateraufführungen und Konzerte stattfinden. Kindergartenbau endet nicht beim Innenraum. Schließlich brauchen Kinder Auslauf und Freiraum im Wortsinn. Eigene auf kindliche Bedürfnisse spezialisierte Landschaftsarchitekten fordert Gralle daher für die Gestaltung des Außenbereichs. Fortschrittliche Kindergärten haben inzwischen "Indianerpfade" und Erlebnislandschaften, dazu Hausgärten für kleine Gärtner. Gleichwohl: Die immer kleineren Grundstücke bedrücken auch den Kindergartenbau. Oftmals reicht es nur für einen öden Hof. Beispielhaft hat Hans Kollhoff in seiner "Drachenburg" das Problem des knappen Bodens gelöst. Kinder aus über 20 Nationen beherbergt die Kindertagesstätte mitten in Frankfurt. Zur Straße hin wirkt der Bau des Ungers-Schülers wie eine feste Burg, die Schutz gegen die Welt gewährt. Nach Südwesten hingegen öffnet sich ein großzügiger, abgetreppter Bau, dessen Terassen viel Platz zum Spielen bieten. Im Kindergarten solle das Kind einig mit sich werden, forderte Kindergarten-Vater Friedrich Fröbel. Was auch den Planern zu raten wäre. Info: Der Begriff "Kindertagesstätte" schließt die Betreuungsformen Kinderkrippe, Kindergarten, Kinderhort ein. Geöffnet ist die Tagesstätte in der Regel von sieben bis 17 Uhr. "Kindergärten" nehmen Kinder ab drei Jahren bis zur Schulpflicht auf. "Kinderkrippen" betreuen Säuglinge und Kleinkinder bis drei Jahre. Im "Hort" werden schulpflichtige Kinder bis 14 Jahre aufgenommen. Buchtipp: Horst Gralle, Christian Port: "Bauten für Kinder", Kohlhammer, 49,80 Euro

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