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Geburtstagsgeschenk mit Knalleffekt - 150 Musiker, Sänger und Tänzer bereiten sich auf Uraufführung der Jazzoper "Blue Sheets" zum Tufa-Jubiläum vor

Sakraler Gesang des Jazz- und Popchors trifft auf den Groove der Rhythm & Swing Big Band (im Hintergrund). TV-Fotos (2): Mechthild Schneiders
Sakraler Gesang des Jazz- und Popchors trifft auf den Groove der Rhythm & Swing Big Band (im Hintergrund). TV-Fotos (2): Mechthild Schneiders FOTO: mechi (g_kultur
Trier. Die Trierer Tuchfabrik erhält zum 30. Geburtstag ein besonderes Geschenk: ein eigenes Musikwerk. Zurzeit proben 150 Musiker, Sänger, Schauspieler und Tänzer die Jazzoper "Blue Sheets". Für eine gemeinsame Probe haben sich die Musiker in der Tufa versammelt. Uraufführung ist am 7. November im Trierer Walzwerk. Mechthild Schneiders

Trier. Ein Knall. Ohrenbetäubender Krach. Voller Panik stürmt eine Menschenmenge Richtung Bühne im großen Saal der Tufa. Entsetzte Schreie. Einige reißen die Arme hoch, andere schlagen die Hände vors Gesicht. Der Lärm schwillt an, gipfelt in Gekreische. Trompeter und Saxofonisten blasen wie toll in ihre Instrumente, die Töne kippen über. Ein Trommelwirbel. Laute Rufe. Dann ebbt der Lärm ab, zurück bleibt die verstörte Menge.Hommage an die Tuchfabrik


"The Clash" heißt diese Szene aus dem ersten Akt der Jazzoper "Blue Sheets" von Nils Thoma - eine Hommage an die ehemalige Trierer Tuchfabrik. Sie erzählt von einem Fabrikunglück, bei dem ein Arbeiter stirbt. Diesen Unfall, die Explosion, übertragen die Musiker auf ihre Instrumente. Die Musiker, das sind etwa 90 Mitglieder der Big Band Rhythm & Swing und des Musikvereins Lyra Tawern unter der Gesamtleitung von Jürgen Theune.
"Bei diesem Stück wird frei improvisiert", erklärt Nils Thoma. Während die Jazzer das kennen, lernen die Musiker aus Tawern dies bei der ersten gemeinsamen Probe mit 35 Sängern des Jazz- und Popchors - hinzu kommt der Chor Klangvolk aus Tawern, beide dirigiert von Thomas Rieff.
Thoma erzählt viel an diesem Abend in der Tufa, die er fürs Publikum geöffnet hat. "Den Plan zu einer Jazzoper hege ich schon lange", verrät er. Auch die Musik stammt von ihm, das Libretto von Stefan Bastians, der auch Regie führt. Die englischen Songtexte hat Brigitte Buddig-Thoma geschrieben. Dass Thoma seine Vision nun umsetzt, hat mit dem 30-jährigen Bestehen der Tufa zu tun. Er wollte eine Oper über eine Fabrik schreiben, die Tücher, Mode, Stile produziert, und die sich über die Frage "traditionelle Fertigung oder billiges Massenprodukt" entzweit, erzählt Thoma. Ähnliches habe der Jazz erlebt - er sei zur Gebrauchsmusik verkommen und laufe, elektronisch entschärft, in Supermärkten und Telefonansagen.
"Heute ist die Hochzeit zwischen den Klangkörpern", sagt Thoma, will heißen, dass erstmals Chor und Orchester gemeinsam proben. "Wir wollen schauen, wie es zusammen klingt." Eine Probe mit allen Mitwirkenden sei schwierig, daher übe jede Combo seit Anfang März separat. "Die Musik schreibe ich seit mehr als einem halben Jahr", ergänzt Thoma. Sie beinhalte verschiedene Musikstile wie Jazz, Pop, Rock, Blues, aber auch Rap und Funk. "Ich will zeigen, in welcher Musik Jazz überall seine Finger drin hat."
Bands und Chöre sind nicht die einzigen Akteure, es gibt Gesangs- und Instrumentalsolisten, Schauspieler, Tänzer - für die Choreographie zeichnet Reveriano Camil verantwortlich. So wird die Jazzoper zur Plattform unterschiedlicher Talente und Stile, die unter dem Dach der Tufa vereint sind. Die Triwo stellt für die Aufführungen das Trierer Walzwerk in Kürenz zur Verfügung.
Von den Choristen verlangt Thoma in seiner Oper mehr als Singen: Sie spielen Fabrikarbeiter, Journalisten, eine Putzkolonne, Aktionäre. "Das ist eine große Herausforderung", sagt Thoma. Und Stefan Bastians ergänzt: "Ich verlange von euch viel Fantasie. Stellt euch vor, wir sitzen hier in einer Fabrik, auch wenn wir heute Abend kein Bühnenbild haben."
Der Jazz- und Popchor probt seit Anfang des Jahres. "Zuerst haben wir in Workshops Körpersprache gelernt und auch, uns auf einer Bühne zu bewegen", erzählt Johanna Nowak. Um gut zu wirken, müssten Bewegungen vereinfacht werden und manchmal auch verstärkt ausgeführt werden. Die Workshops zeigen Erfolg: Wie bei einem richtigen Unfall sind auch in "Blue Sheets" die Journalisten - ebenfalls die Chorsänger - sofort am Unfallort: "War es ein Anschlag?", "Wer war beteiligt?". Jeder versucht, lauter zu rufen als sein Nachbar.
Einige Sänger drängen nach vorne, gehen in die Knie, scheinen zu fotografieren. Dann gibt Thomas Schneider von der Big Band auf dem Klavier ein "g" vor, die Frauen singen: "Der Tod ist unser Kunde, an ihm wird es nicht mangeln." Die Männer antworten mit einem langgezogenen "Uuuh". Bastians hat für den Text den Psalm 23 gewählt und ihn für den Pressechor umgeschrieben. Die Musik dazu, gespielt von der Big Band, klingt poppig mit deutlichen Rock-Ansätzen.
Bei dieser Probe gibt es nur einen Solopart mit der Sopranistin Nadine Woog. Sie spielt die Tochter des verunglückten Arbeiters. "Es gibt eine Stille inmitten der Ratlosigkeit", sagt sie ins Mi krofon. Klavier und Bass spielen leise und ruhig dazu. Dann spricht sie schneller, wird lauter. Die Musik folgt ihr. Thoma hat für das Rezitativ, den typischen Sprechgesang in der Oper, einen eigenen Weg gewählt: Die Sänger sprechen den Text, die Big-Band-Musiker improvisieren zurückhaltend im Hintergrund.Schrille Töne vor dem Unglück


Gleich zu Beginn der Probe haben die Mitwirkenden die Ouvertüre gespielt, die zum großen Unglück hinleitet. Benjamin Biegel beginnt, schlägt vorsichtig auf seine Drums. Piano und Saxofone gesellen sich zu dem ruhigen Swing. Trompeten setzen ein. Die Sänger gehen langsam zwischen Bühne und Musikverein auf und ab und singen: "Ich bin nur ein Teil des ach so großen Räderwerks ..." Plötzlich schrille Saxofontöne - die Musiker der Rhythm & Swing Big Band kündigen das Unglück an.
"Jetzt gehen alle zu den Maschinen", ruft Bastians den Sängern zu. Sie verteilen sich im Raum. Kaum verklingt der letzte Ton der Band, setzt der Musikverein ein. Zarte Töne entlocken die Flötisten ihren Instrumenten. Der Klang wird härter, als die Bläser dazukommen. "Ihr müsst bis zur Explosion durchhalten", ruft der Dirigent und reißt die Arme hoch. Die Musik wird lauter, konfuser - und dann: der Knall.
Premiere ist am Samstag,
7. November, 19.30 Uhr, im Walzwerk Trier-Kürenz. Weitere Aufführungen: 8., 10., 27., 28. November.

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Mit vollem Einsatz dabei: die Mitglieder des Musikvereins Tawern.
Mit vollem Einsatz dabei: die Mitglieder des Musikvereins Tawern. FOTO: mechi (g_kultur