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Gedenken an den Ersten Weltkrieg: Zwischen Schmerz und Verlorenheit

Gedenken an den Ersten Weltkrieg: Zwischen Schmerz und Verlorenheit

Wenn es nicht so platt klänge, müsste man sagen: Mit seinem 3. Sinfoniekonzert haben sich das Philharmonische Orchester der Stadt Trier und sein Dirigent Victor Puhl selbst übertroffen. Selten war ein Konzertabend so bewegend.

Trier. Nur wenige Komponisten vermochten Endzeitstimmung, mit ihre Angst und Ödnis so greifbar in Klang zu übersetzen wie Benjamin Britten. Das mögen auch die etwa 600 Zuhörer im Trierer Theater so empfunden haben. Reglos verharrten sie, als der letzte Ton der Sinfonia da Requiem des britischen Komponisten verklungen war, bevor der Applaus losbrach.
Das Werk war Abschluss und Höhepunkt eines Abends, der ganz im Zeichen der Trauer stand. Im Rahmen der Projektreihe "Gott mit uns" leistete das Philharmonische Orchester der Stadt Trier mit seinem 3. Sinfoniekonzert einen eigenen Beitrag zum Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.
Ausgewählt hatten die Musiker ein gleichermaßen interessantes wie bewegendes Programm. Allesamt waren die aufgeführten Werke aus der privaten Erfahrung von Verlust und Tod entstanden. Dabei machten sie eindringlich klar, wie nah persönliche Erfahrung und Welterfahrung zusammenhängen.
Ein Opfer der Schlacht



"Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide", heißt es in Goethes Drama "Torquato Tasso". Auch mit Gustav Mahler und allen anderen Komponisten dieses Abends mag ihr Gott in diesem Sinn gewesen sein.
Übermächtig blieb die weltliche Macht mit ihren Märschen und ihrem Pomp noch eingangs in Mahlers "Totenfeier". Victor Puhl dirigierte klar strukturiert, ohne das Gefühl für den Gesamtzusammenhang zu verlieren.
Mit Rudi Stephan kam ein Komponist zu Wort, der selbst Opfer des Ersten Weltkriegs wurde. 1887 in Worms geboren, galt er schon zu Lebzeiten als einer der talentiertesten deutschen Komponisten seiner Generation. Seine fein gewirkte "Musik für Orchester", die 1912 uraufgeführt wurde, vergegenwärtigte ein Musiktalent zwischen Spätromantik, Impressionismus und sich auflösender Tonalität. Überhaupt gelang es Puhl und seinen Musikern die Musik mit kaum gekannter Dringlichkeit reden zu lassen.
Verwundete Individuen


Ein atemloser Dialog zwischen verwundetem Individuum und Welt war Maurice Ravels "Konzert für die linke Hand". 1929 hat Ravel das Werk für den Pianisten Paul Wittgenstein, der als Soldat so schwer verletzt wurde, dass ihm der rechte Arm amputiert werden musste. Das Konzert ist ein Bravourstück, und großartig interpretiert es der nachdenkliche, nach innen gewandte Michel Bourdoncle am Klavier, dem das Orchester mit seinen in wilden, extrovertierten Rhythmen entgegenstand.
Und schließlich: Benjamin Brittens Sinfonia. Einmal mehr zeigte das hochengagierte Orchester und sein feinsinniger, dynamischer Dirigent, wie sehr sie in der Lage sind, Musik mit Sinn zu erfüllen, Klanggewichte auszutarieren, Stimmungen auszuloten und das feine Netz der Komposition zu entwirren, ohne es zu zerreißen.
Hervorragend die furchterregenden Pauken, die flehenden, zitternden Geigen, die apokalyptischen Bläser und zum Ende die Bässe, die wie der Puls der Zeit pochten. Welcher Zeit, mag man fragen. Ein großartiger Abend. Mehr ist eigentlich nicht zu sagen.