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Gefeiertes Musical in Trier: Oliver! überzeugt bei der Premiere auf ganzer Linie

Gefeierte Premiere in Trier : Musical „Oliver!“: Mutig und tapfer in Londons Unterwelt

Ein Glanzstück: Lionel Barts Musical „Oliver!“ neu im Trierer Theater. Wer noch keine Karten hat, muss sich beeilen.

Der Beifall im voll besetzten Trierer Theater wollte einfach nicht enden. Immer wieder hob sich der Vorhang und gab den Blick frei auf die Solisten, den Theaterchor und den Kinder- und Jugendchor. Mit dabei, optisch präsent und doch bestens in die Gruppe integriert: Martin Folz. Er ist die musikalische, dramaturgische und vielleicht auch geistige Zentralfigur im neuen Trierer „Oliver!“.

Vom ersten Takt in Lionel Barts Musik und von der ersten szenischen Geste in Ulf Dietrichs Regie war Folz mit seinem Engagement für Musik und Musiker der „spiritus rector“ – begeistert von diesem Musical und begeisternd für alle auf der Bühne und im Besuchersaal.

Das hauptsächlich mit Bläsern besetzte Philharmonische Orchester glänzte wie nur selten in einer Trierer Musicalproduktion. Es klingt, als würden Martin Folz und die Musiker aus dem Graben Funken schlagen. Alle Akteure nehmen diese starken Impulse auf. Der verstärkte Theaterchor glänzt mit Gesangskultur und einer musikalischen Präsenz, die vom ersten Einsatz rundweg überzeugt. Und dann der Kinder- und Jugendchor, der Chor, den Martin Folz binnen kurzem geformt und fitgemacht hat für das Musiktheater. Diese Kinder und diese Jugendlichen wirken nie gedrillt, nie geschulmeistert, nie zurechtgestutzt, sondern für ihre schwere Aufgabe gestärkt, motiviert und aus dem Graben heraus sicher geführt.

Da springt eine ganz jugendliche und darum so mitreißende Liebe zu Musik und Theater über die Rampe. Auch Massenszenen mit diffizilen Verschränkungen der Gruppen gelingen präzise und unverspannt – ein überzeugendes Indiz auch für die enge Verzahnung von Dirigat und Regie.

Ulf Dietrich hat dieses Musical behutsam und mit Fingerspitzengefühl inszeniert. Die Ausstattung (Dietmar Teßmann, Monika Seidl) begnügt sich treffsicher mit szenischen Andeutungen. Das Bild zur Eröffnung zeigt eine Sterbende am Friedhofseingang – Symbol für die Einsamkeit des kleinen Waisen Oliver. Dietrich balanciert mit großer Sensibilität auf dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Nachdenklichkeit. Frauenfiguren wie Mrs. Corney (Conny Hain) oder Mrs. Wowerberry (Barbara Ullmann) oder auch Personen wie der Gemeindiener Bumble (Michael Hiller) erhalten etwas Karikierendes. Aber in der Komik verbirgt sich Kritik. Und wenn Oliver beim Mahl im Armenhaus einen Nachschlag erbittet und die Heimleitung empört reagiert, dann ist in der demonstrativen Selbstgerechtigkeit der Oberen der sozialkritische Ansatz ganz nah.

Die Rolle des Juden Fagin, deren Ausgestaltung in Deutschland heikel ist, kommt in Trier ganz ohne die Attribute jüdischen Lebens aus. Zudem gibt Gideon Rapp der Figur eine gezielt überbordende, politisch aber unbedenkliche Heiterkeit und Beweglichkeit mit. Er gehört zu den herausragenden Darstellern eines homogenen Ensembles. Auch in diesem Musical kann sich das Trierer Theater weitgehend aus dem eigenen Haus bedienen. Mit Anna Pircher (Nancy) Klaus-Michael Nix (Sowerberry, Brownlow), Paul Behrens (Grimmig, Aufseher und Polizei), Anne Harden (Noah Claypole),  Dimetrio-Giovanni Rupp (Bill Sikes) und Marsha Zimmermann (Old Sally) sind die Rollen ausnahmslos vorzüglich besetzt. Mit Maja Stölzel als Bet und Moritz Giese als Dodger treten sogar Mitglieder des Kinder- und Jugendchores auf.

Und dann der Oliver! Ulf Dietrich gibt den von Vorstellung zu Vorstellung wechselnden Hauptdarstellern keinerlei wehmütige Sozialromantik mit. Dieser Oliver schlägt sich gradlinig, mutig und standhaft durchs Leben. Bei der faszinierenden Charlotte Whiteley strahlt die Titelperson eine erstaunliche und tief beeindruckende Souveränität aus. Dieser Oliver ist nie ein Objekt irgendwelcher Machenschaften. Er lässt sich nicht korrumpieren und behauptet sich mit einigem Glück auch in der verruchten Londoner Unterwelt. Mit ihrer knabenhaft gradlinigen Stimme, ihrer Präzision und sauberen Intonation kommt Charlotte Whiteley auch gegen die Mitsänger und gegen das Orchester an.

„Oliver!“ ist eine rundum geglückte, ja glänzende Produktion. Wer hin will, muss sich beeilen. Die meisten Vorstellungen waren schon vor der Premiere ausverkauft. Tickets gibt es nur noch für die Aufführung am 23. Mai.

Weitere Vorstellungen am 29. Februar, 10. März, 20. März, 22. März, 28. März, 19. April (alle bereits ausverkauft). Karten gibt es für die Zusatzvorstellung am 23. Mai (19.30 Uhr). Weitere Oliver-Darsteller: Finja Amélie Lukas, Lillianne May, Hanna Teres.