Gegensätze, die keine sind

Gegensätze, die keine sind

Ein Choral von Johann Sebastian Bach mündet in Gipsy-Jazz, eine Sonate von Mozart mutiert zum Balkan-Groove. Lustvoll haben das Philharmonische Orchester der Stadt Trier und das Crossover Quartett Uwaga! beim Weltmusikkonzert im Theater Trier die Verschmelzung musikalischer Genres zelebriert. Ihr Publikum war restlos begeistert.

Trier. Auf der Bühne hat sich das Philharmonische Orchester Triers formiert. Das Konzert-programm listet Werke von Mozart, Bach, Tschaikowski, Mahler und Sibelius auf. Nichts außer der stets hinzugefügten Randbemerkung "Bearbeitung" deutet darauf hin, dass dieser Abend anderes als gepflegte Klassik erwarten lässt.
Dann aber kommt ein Quartett auf die Bühne, das nicht nur die ungewöhnliche Besetzung aus Kontrabass, Akkordeon und zwei Violinen, sondern auch Humor mitbringt. So erklären die vier Herren aus Castrop-Rauxel, ihren Bandnamen Uwaga! (Achtung!) von Straßenschildern in Polen adaptiert zu haben. Es sei ihnen praktisch erschienen, dort auf Konzertreisen nicht mehr extra plakatieren zu müssen.
Dieser Humor bestimmt auch ihren Umgang mit Musik. Da wird das brave Violinsolo in der Mozartsonate plötzlich zur schrägen Improvisation. Da geben Kontrabass, gezupfte und geschlagene Geigen der Schwanensee-Melodie einen rockig-perkussiven Pulsschlag. Pomp and Circumstance wird zur Gipsy-Swing-Nummer. Und die Balkansonate klingt durch eine feurige serbische Tanzmelodie des Akkordeons tatsächlich original nach Balkan.
Das Konzept, klassisches Ausgangsmaterial mit anderen Genres zu mischen und weiterzuentwickeln, geht hier hervorragend auf. Es entsteht kein Nebeneinander, sondern eine überraschend stimmige Verschmelzung der Stile. Gegenseitig befruchtend vereinen sich Ernsthaftigkeit und formale Strenge der Klassik mit dem Temperament osteuropäischer Folklore oder Gipsy-Musik und der Spontaneität des Jazz.
Die Überzeugungskraft dieser Musik speist sich auch daraus, dass die Virtuosen von Uwaga! selbst Wanderer zwischen den Welten sind. Die Violinisten Christoph König und Maurice Maurer beweisen das in souveränen Wechseln zwischen konzertanten Violinsoli und kreativen Improvisationen. Sie wie auch Bassist Matthias Hacker und Akkordeonist Miroslav Nisic sind klassisch ausgebildet, haben aber jede Menge Erfahrungen in Jazz, (Punk-)Rock und anderen Genres gesammelt. Nisic ist in Serbien mit Balkanfolklore aufgewachsen.
Ganz hervorragend klappt das Zusammenspiel mit dem Philharmonischen Orchester, das unter Victor Puhl mal wieder eine Glanzleistung abliefert. Offen, spielfreudig und mit Hingabe lässt es sich auf dieses Experiment ein. Seine Präzision und Leidenschaft wird vom Publikum mit Riesenapplaus honoriert. Zum Schluss, nach Extrazugaben, gibt es noch verdiente Ovationen für alle Akteure.

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