Geheimnisvolle Welt

WITTLICH. Eine außergewöhnlich qualitätvolle und unbedingt sehenswerte Ausstellung zeigt derzeit das Georg-Meistermann-Museum in Wittlich. Zu sehen sind dort Arbeiten der international renommierten Bildhauerin Birgitta Weimer.

"Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, und haben sich, eh man es denkt, gefunden." Was Johann Wolfgang von Goethe staunend erkannte, belegen Birgitta Weimers Arbeiten aufs Spannendste. Im Werk der Künstlerin verdichten sich Naturform und künstlerische Vision zu einer neuen geheimnisvollen und schillernden "dritten Natur". Als kleine Retrospektive hat Weimer, die in Königswinter lebt, die Wittlicher Schau angelegt. Die eindrucksvollen Skulpturen und Papierarbeiten aus unterschiedlichen Werkgruppen erlauben denn auch einen guten Überblick über das Schaffen der 1956 geborenen Bildhauerin, die zunächst Ethnologie und Anthropologie studierte, bevor sie 1980 ihr Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg aufnahm. Wie im Labor eines Biologen

Wer durch die intimen Kabinette des Museums geht, mag sich auf den ersten Blick wie im Labor eines Biologen fühlen. An Präparate, die Zellwachstum und die subtilen Verästelungen von Blutgefäßen offen legen, erinnern manche der kleinen runden Glasobjekte, andernorts scheinen Reizleitungssysteme dargestellt. Wie Zellmodelle wirken die kugeligen "Sphäroiden". Tatsächlich dient Birgitta Weimer die verborgene aber dennoch alles umfassende komplexe Ordnung der Natur als Grundmuster ihrer Arbeit. Daraus zu schließen, die Künstlerin wolle mit ihrem Schaffen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnis illustrieren, ist allerdings zu kurz gedacht. Die polyglotte Kunstprofessorin, die viele Jahre in Amerika lebte und arbeitete, hat mehr im Sinn. Sie treibt an, was freilich auch Motor aller Naturwissenschaft ist. "Das Begreifen der Natur führt zu einer starken Ausweitung der Möglichkeiten kreativen Handelns", stellte der Physiker Alfred Gierer fest. Und Birgitta Weimer bestätigt: "Jede Erfindung, jede neue Theorie - sei es in der Kunst oder in der Wissenschaft - definiert die Grenzen zwischen Realität und Vision neu." Birgitta Weimer ist mit ihrer Kunst über die Grenze gegangen. Ihre Arbeiten nähren sich aus den Wurzeln wissenschaftlicher Wirklichkeit, aber sie wachsen und wandeln sich zu neuen Bildern und Formen durch die Visionen der Künstlerin. Und genau dies macht die Schau so sehenswert. Weimars "schöne neuen Welt" ist eine geheimnisvolle Welt, deren strenge äußere Form ein buntes phantastisches Innenleben zusammenhält. In den runden Objekten aus Glas und Venyl, den anmutigen Kugeln aus Gummi, den fein gearbeiteten schwarzen Stäben der "Traurigen Tropen" oder dem strengen grünen Kubus mit seiner malerischen Oberfläche präsentieren sich Kunstwerke von großem ästhetischen Reiz, zu denen die Papierarbeiten Vorzustände bilden. Es ist die Qualität der künstlerischen Überformung, die gekonnte Einbindung des Lichts, die Sinnlichkeit der Farbe, die das nüchterne naturwissenschaftliche Grundschema zu einer Zauberwelt voll Poesie macht. Weimers Arbeiten sind kontrastreiche Arbeiten im Spannungsfeld von Innen- und Außenschau, in der Schwebe zwischen Sein und Schein, zwischen Gewissheit und Vermutung. Es sind Arbeiten, die gleichermaßen Wissenschaft und Kunst als Kulturträger ausweisen, und die beredt von der geistigen und schöpferischen Kraft beider künden. Bis 25.4. Öffnungszeiten: Di - Fr 10-12 Uhr u. 14-17 Uhr, Sa 11-17 Uhr, Sonntag, Feiertag 14-17 Uhr.