Geisterhafte Gestalten

Geisterhafte Gestalten

Die Wirklichkeit als Folie für künstlerische Überformung und neue Bilder ist ein gängiges Thema. Mit Andrea Neumanns Bilderschau "Nachgemalt" bekommt es eine außerordentlich reizvolle Variante mehr.

Oberbillig. Wie funktioniert Erinnerung? Marcel Proust, der literarische Erinnerungskünstler schlechthin, hatte eine griffige Erklärung dafür.
Erinnerung, meinte der Schriftsteller, sei wie ein Schaufenster, in dem zweimal das gleiche Bild ausgestellt werde. Die Erinnerung sei das letzte.
Auch Andrea Neumanns "Nachbilder" funktionieren ein wenig wie Prousts Fensterbilder. Die in Saarbrücken und Lothringen lebende Malerin bezieht sich bei ihren Gemälden auf Fotografien, die sie quasi als Lesezeichen ihrer Erlebniswelt benutzt. In Gemälde übertragen, bekommen die fotografischen Merkzettel von Arbeitswelten, Bräuten und Ballspielern indes eine völlig andere Qualität. Mehr noch: sie verlassen den Raum der Realität und treten ein in eine fantastische Traumwelt voll schemenhafter, flüchtiger Gestalten. Es ist eine Welt von Licht und Schatten, in der die sanften Farbtöne überwiegen, die Wahrnehmung unsicher ist. Die dünnflüssige Eitempera auf Baumwolle oder Papier unterstützt den Eindruck des Fließenden, Ungewissen. Andrea Neumann ist eine eindrucksvolle Malerin, eine malende Poetin, die aus der Farbe Form entstehen lässt und die über die Farbe Sinn wie Sinnlichkeit transportiert.
Im womöglich eindringlichsten Bild der Ausstellung "silver sixpence", einer reinen Hell-Dunkel-Arbeit, erweist sich die Malerin als großartige Kennerin menschlicher Verhältnisse und Seelenwelten. Der weiße Rücken einer Braut mit seiner verheißungsvollen Knopfreihe verschwindet darin im undurchdringlichen Schwarz nächtlicher Ungewissheit.
Geisterhafte Gestalten begegnen sich im dämmrigen Grau ihres Gemäldes "Verneigung". Wie heißt es in Richard Strauss Rosenkavalier: "Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein". Auch Andrea Neumanns Bilder schwanken zwischen Traum und Tag, zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Dabei verdichten sie die Innenwelt der Künstlerin mit der Außenwelt zu einem neuen Bild.
Bis 8.Oktober, Öffnungszeiten: dienstags bis samstags 15-19 Uhr, danach nach Vereinbarung, Tel. 06501/998421, www.contemporanea.de