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Geiz ist geil - aber es kann schlimmer kommen!

Geiz ist geil - aber es kann schlimmer kommen!

TRIER. TV -Kolumnist Michael Kernbach präsentiert Ihnen heute seinen ganz persönlichen Rückblick auf das Jahr 2003. Er lässt Höhe- und Tiefpunkte, besondere Phänomene aus Literatur, Film, Fernsehen, Politik und Sport Revue passieren. Viel Spaß dabei!

Manchmal sind diese notorischen Jahresrückblicke nicht das Papier wert, auf das sie gedruckt sind. Was nicht an den den Fähigkeiten ihrer Verfasser liegt - viel mehr geben die meisten Jahre einfach nicht den Stoff für ausgiebige Würdigungen her. Nicht so 2003.Rekordmarken, so weit das Auge reicht

Was für ein Jahrgang! Schumi, Arbeitslose, SPD - historische Rekordmarken, so weit das Auge reicht. Wobei allerdings gerade im Falle dieser Drei die nicht unbegründete Hoffnung besteht, die selbe Feststellung im Jahresrückblick 2004 wieder treffen zu können. Schauen Sie fern? Hier sind deutliche Besserungstendenzen erkennbar. Statt notgeil per Glotze in einen Container voller Halbprimaten zu starren, wählt Deutschland seinen er-sten per Volksabstimmung legitimierten Superstar: Der Sendenhorster Alexander Klaws ist der lebende Beweis, dass eine intakte Demokratie weiß, wann Sie auch mal mit weniger zufrieden sein muss. Die durch "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) losgetretene Casting-Lawine macht vor gar nichts halt und gebiert eine Abstrusität nach der anderen: wie etwa im ZDF Konrad Adenauer als den besten Deutschen aller Zeiten, bei Sat.1 einen Popstar namens Michael Wurst oder den so genannten "Bachelor", der sich bei RTL die Frau fürs Leben castet. Wer braucht da noch Monty Python? Der im Ruch des Elitären stehende Büchermarkt lernt rasant und klont nach dem visionären Machwerk des Musikkaufmanns D. Bohlen aus dem Vorjahr mit dem gebundenen Tinnef von Effenberg und Becker weitere Printprodukte, die den derzeitigen Stellenwert unseres Landes in der Völkergemeinschaft auch intellektuell manifestieren. In diesem Zusammenhang gebührt dem Hörbuch von Michaela Schaffrath eine gesonderte Würdigung. Ein Tonträger, auf dem die ehemalige Pornofilm-Mitwirkende Gina Wild erzählt, was es in ihren Pornofilmen zu sehen gibt: Das ist eine Effizienz in der Auswertung der eigenen Schamlosigkeit, von der selbst Dieter Bohlen nicht zu träumen wagt. Im Kino hingegen häufen sich konträr zur allgemeinen Entwicklung die sehenswerten Filme: "Herr der Ringe", "Fluch der Karibik" und mit "Good bye, Lenin" sogar ein deutsches Movie, das auch außerhalb der Artenschutzgemeinschaft der deutschen Filmförderung eine Existenzberechtigung besitzt. 2003 ist leider auch ein Jahr des Verlustes. Hollywood verliert Arnold Schwarzenegger, der die Pump-Gun an den Nagel gehängt hat und nun dafür als Gouverneur Kalifornien terminiert. "Lost and found" hingegen ist Saddam Hussein, der als Feind der Menschheit Nr. 1 monatelang spurlos verschwunden war, bis ihn der amerikanische Kaiser Georg just in dem Erdloch wiederfand, in dem er eigentlich die Massenvernichtungswaffen des Irans vermutet hatte. Shit happens, Mr. Bush! A propos Shit: Rudi Völler verdanken wir die Begradigung des Funktionärs-Deutschs. Mit seiner Ansprache an das Fußballvolk nach dem 0:0 gegen Island öffnet "Tante Käthe" die Tür zu einer echten Verständigungsebene zwischen Funktionsträgern gleich welcher Profession und dem gemeinen Volk. Leider will niemand hindurch gehen.Wieder Weltmeister - aber nicht so richtig!

Ach so: Außerdem sind wir wieder Weltmeister! Aber nicht so richtig, nur mit den Frauen - immerhin: besser als nix, oder? Leider vergreift sich die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Abschluss dieses formidablen Jahres mit den Kürungen der prägnantesten Sprachschöpfung. "Deutschland sucht den Superstar" ist der Satz des Jahres. Wo wir doch jetzt alle wissen: "Geiz ist geil!" Das ist die Message 2003! Brrrr! Trotzdem sagen wir besser in Wehmut "Servus" zum ausklingenden Jahr, denn gerade in den vergangenen zwölf Monaten haben wir eines gelernt: Es kann immer noch viel schlimmer kommen. jöl/mar