Gelungene Hommage an Roger Willemsen beim Mosel Musikfestival in Trier

Mosel Musikfestival : Landschafts-Kunst in Wort und Musik

Hommage an Roger Willemsen: Katja Riemann rezitierte, Franziska Hölscher spielte Violine und Marianna Shirinyan Klavier. 170 Besucher fanden das großartig.

Roger Willemsen ist mit den Massenmedien und Feuilleton bekannt geworden. Ein großes Interesse fanden zudem seine Reisebücher. Die Musik spielte in seinem Leben ebenfalls eine große Rolle, egal, ob es Jazz oder klassische Musik war. Dabei interessierten ihn die Musiker und ihre Themen. Für ihn war Musik ein Lebensgefühl. Das Projekt „Landschaften“, dass Franziska Hölscher (Violinistin), Marianna Shirinyan (Pianistin) und der 2016 gestorbene Roger Willemsen gemeinsam auf den Weg gebracht haben, versucht Brückenschläge zwischen literarischen und musikalischen Landschaften zu schaffen. Beim Mosel Musikfestival wurde dieses Konzept umgesetzt. Rezitiert hat Katja Riemann. Im ersten Text ging es um das Thema Heimat und die Frage, wieviel kann man einem Ort wegnehmen, oder ihn verändern, bis er nicht mehr Heimat ist? Ist er noch Heimat, wenn Eltern, Lehrer und der Kaufmannsladen nicht mehr da sind? Entstehen neue Heimaten dort, wo man die Sehnsüchte der Anderen kennt? Zeitlose Geschichten über Menschen, die dort einmal gelebt haben, tragen zum Heimatgefühl bei. Fatal wird es, wenn aus Sentimentalität Politik wird. Abschließend fragt Roger Willemsen in seinem Text, ob ein Karpfen, der in einem Waschbecken aufwächst, es heimlich Heimat nennt? Eingeleitet wurde dieser Text mit dem Largo aus Johann Sebastians Bachs Sonate in c-moll. Diese Sonate eroberte von Sizilien aus ganz Europa und unterstrich mit ihrer Melancholie und den melodischen Bögen das Textthema, so dass die Besucher tatsächlich vor dem inneren Auge eine Person sehen konnten, die in die Heimat zurückkehrt. Die dann zwar einen baulich veränderten Ort vorfindet, in Gesprächen mit den Bewohnern aber das Heimatgefühl wiederentdeckt. Rustikal und authentisch kommen Béla Bartóks Volkstänze daher, die kombiniert sind mit einem Text des modernen Sofias, in dem monumentale Bauten des Sozialismus in der Symbolik der Parade stehen und die Menschen dazwischen klein wirken lassen. Dabei haben diese Menschen laut Willemsen eine große Neugier und Lust, sich in den Gesichtern von Fremden zu erkennen. Auch hier hat man gleich eine bildhafte Assoziation, die durch die Kombination von Text und Musik zu einem Bild verschwimmt. Dass diese Eindrücke schon fast mühelos möglich sind, liegt natürlich auch an den Musikerinnen und der Rezitatorin, denn hier stehen internationale Größen auf der Bühne. Franziska Hölscher an der Violine ist eine der vielseitigsten Musikerinnen ihrer Generation. Sie ist beispielsweise schon in der Berliner Philharmonie oder dem Festspielhaus Baden-Baden aufgetreten und ist als Solistin, Kammermusikerin und Festivalleiterin gefragt. Ihre Gestaltungskraft und ihr fesselnder Ton faszinierten ebenso wie das Klavierspiel von Marianna Shirinyan, die unter anderem die Leiterin des ältesten und bekanntesten Kammermusikfestivals in Dänemark, dem Oremandsgaard, ist. Ihre Musik ist impulsiv, ergreifend und durchdringend, ohne dabei aufdringlich zu sein – sie lässt dem Zuhörer immer noch Raum zur eigenen Interpretation.

Katja Riemann spricht die Texte von Roger Willemsen professionell, sie taucht in die Worte und Satzmelodien ein, gibt ihnen Tempo und Langsamkeit, wo sie es brauchen und lässt die feine, filigrane und vielschichtige Sprache vom Willemsen wirken. Insgesamt lassen sie das Projekt in den Tagungsräumen der IHK Trier für sich sprechen, wie ein Raum in einem Museum, in dem Kunstwerke hängen. Sie geben keine Erklärungen ab, treten nicht in persönlichen Kontakt mit dem Publikum. Außer beim stehenden Schlussapplaus, den sie auf der Bühne lächelnd genießen.

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