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Gemeinsam Richtung West Side

Gemeinsam Richtung West Side

Eine Theaterproduktion als Motor des Imagewandels eines ehemaligen Industrieareals: Das ist eine ungewöhnliche Kombination von Kultur und Kommerz. Aber ohne die Zusammenarbeit vermeintlich gegensätzlicher Partner wäre die Trierer West Side Story, die am morgigen Samstag Premiere feiert, nie zustande gekommen.

Trier. Am Anfang stand, wie so oft, der Zufall. Theaterintendant Gerhard Weber hatte auf der Suche nach einer kleinen Fabrikhalle für ein Schauspiel beim Projektentwickler EGP angeklopft, der gerade das riesige Areal der alten Eybl-Bobinet-Fabrik im Trierer Westen erworben hatte. Der Deal kam nicht zustande, aber wo sie schon mal da waren, zeigte EGP-Chef Jan Eitel dem Theatermann eine andere, zehn Mal größere Halle, der Legende nach mit den Worten: "Die ist echt toll, aber Sie können leider nichts damit anfangen."
Ein Jahr später sieht das etwas anders aus. Der Hauptsaal der ehemaligen Halle 8 hat sich in eine fast 2000 Quadratmeter große Bühnenlandschaft verwandelt - vielleicht ein heruntergekommenes Parkdeck in einer heruntergekommenen Großstadt. Und der Vorraum, mit kaum geringeren Maßen ausgestattet, lockt als kunstvoll-gammelige Gastro-Landschaft im Wellblech-Look. Rechter Hand stehen bunte Werbeautos einer skandinavischen Marke, links lockt ein schräges Metallkunstwerk von Bühnenbildner Dirk Immich den Blick: Zwei gegensätzliche Varianten von Blech, sozusagen.
So was habe er noch nie gemacht, sagt Immich, aber er täte es gerne öfter. "Endlich mal groß denken", das mache Spaß. Und nach Spaß sieht auch Willi Hubor aus, profiliertester Interieur-Lieferant der Region und mit seinem "Wohnwerk" schon lange Pionier im Einsatz von Kultur für die Imagepflege. Diesmal stellt er die schicken Sitzquader an puristische Holztische, die den Gäste als Unterlage für Edelhäppchen dienen sollen.
Hinter all dem steckt ein kluger Kopf. EGP-Manager Eitel hat ein vergammeltes altes Fabrikgelände in einem nicht ideal beleumundeten Stadtteil erworben. Was daraus werden soll, hängt als Slogan an der Decke der Gastro-Halle: "Aufbruchstimmung im Westen" steht da, und "Loftwohnen mit Charme".
Für den Verwandlungsprozess von der Bauruine in das "impulsive neue Quartier mit cooler Identität", wie sie Eitel vorschwebt, ist der Kulturträger Theater ein idealer Katalysator. Das lässt sich die EGP aber auch 50 000 Euro kosten, zurückhaltend geschätzt. Man hat Geld ausgegeben, um die Halle für sechs Wochen bespielbar zu machen, stellt die Infrastruktur und hat dem klammen Theater eine pfiffige Werbekampagne finanziert. Für die EGP angesichts von 15 Millionen Euro Investitionen im Bobinet-Areal kein umwerfender Ausgabeposten - aber für das Theater ein sonst unerschwinglicher Luxus. Und erfolgreich dazu: 60 Prozent der rund 15 000 Karten für die 22 Vorstellungen bis zum 9. Oktober sind schon verkauft.
Unter all den Sponsoren wirkt der Mann fast ein bisschen verloren, der die Verantwortung für den künstlerischen Teil trägt. Tanztheaterchef Sven Grützmacher inszeniert die Mammutproduktion, und er muss mit seinen Akteuren die schöpferische Kraft dafür aufbringen, dass Bernsteins existenzielle Slum-Tragödie nicht zur folkloristischen Sättigungsbeilage zwischen hausgebeiztem Lachs an Dillsenfsoße und Maispoulardenbrust auf Rahmpfifferlingen zusammenschrumpft.
Denn es geht um einiges. "So eine Produktion geht nur mit einem Drei-Sparten-Theater", ruft der Intendant beschwörend in den Raum. Er weiß, warum er das im Umfeld der laufenden Haushaltsberatungen so betont. Die Bobinet-Halle (Adresse: Im Speyer 11, 54294 Trier) liegt auf dem Weg von der Adenauer-Brücke nach Trier-West, schräg gegenüber dem Praktiker-Markt. Vom 500 Meter entfernten Parkplatz in den Moselauen (Nähe Messehalle/McDonalds) ist ein Pendelbus eingerichtet, der jeweils 45 Minuten vor und nach der Vorstellung eingesetzt wird. Infos zu Aufführung, Terminen, Tickets, Catering und Rahmenprogramm: www.theater-trier.de Theaterkasse: 0651/7181818.