Gemischte Gefühle

TRIER. Unter schwierigen Vorzeichen produziert das Ballett des Trierer Theaters seine bislang aufwändigste Inszenierung. Für Sergey Volobuyevs Interpretation von Ibsens "Peer Gynt" arbeiten Tänzer, Chöre, Solisten und Orchester erstmals beim Tanztheater in großem Maßstab zusammen.

Wenn jemand verstehen will, was der Begriff "gemischte Gefühle" bedeutet, dann braucht er sich dieser Tage nur mit Sergey Volobuyev zu unterhalten. Der Ballettdirektor mit dem markanten Kahlkopf und dem elefantentränengroßen Tropfen-Ohrring sitzt in seinem winzigen Büro-Schlauch unterm Dach des Trierer Theaters und schwankt zwischen Zorn, Trotz und Vorfreude.Zorn: Das gilt dem Blick zurück auf die letzten Monate. Im Sommer, die Arbeiten am Bühnenbild für "Peer Gynt" waren gerade abgeschlossen, da ereilte ihn die Ankündigung, der neue Intendant habe ab 2004 keine Verwendung mehr für ihn. In den Folgewochen, Volobuyev prozessierte noch gegen den Rausschmiss, nahm ein neuer Mann seine Tänzer-Truppe unter die Lupe und begann schon mal auszusortieren. "Eine unmögliche, unerträgliche Situation", sagt der Choreograph rückblickend. Als er seinen Prozess gewonnen hatte und seine Weiterbeschäftigung bis 2005 feststand, war ihm der Darsteller des Peer Gynt abhanden gekommen. Der junge Tänzer, als nicht mehr Trier-tauglich eingestuft, bekam ein Angebot aus Dortmund und wechselte quasi über Nacht. Als die intensive Probenphase beginnen sollte, stand schon der nächste Konflikt ins Haus: Es gab Unstimmigkeiten über die Frage, ob der Chor für die Mitwirkung im Ballett gesondert honoriert werden müsse. Wieder Ärger, wieder Zeitverlust. "Das hat alles so viel Zeit und Kraft geko-stet", bedauert Volobuyev. "Das Trierer Publikum will uns und braucht uns"

Aber da ist auch noch der Trotz: "Das Trierer Publikum will uns und braucht uns", ist der Ballettchef überzeugt - und erinnert an die Beifallstürme nach der "Notre Dame de Paris"-Produktion. Jede neue Produktion ist jetzt auch ein Kampf um die Existenz der Truppe. Volobuyev weiß, dass der neue Intendant Gerhard Weber eher zeitgemäßes Tanztheater als traditionelles Ballett bevorzugt. "Peer Gynt" nennt sich laut Programmheft "Tanztheater". Aber das sei keine Anbiederung, betont der Ballettdirektor, das Konzept habe schon lange festgestanden. Ihn reize besonders die "gleichberechtigte Mitwirkung" von Tänzern, Sängern und Musikern. Und damit sind wir beim Aspekt der Vorfreude. "Wir hatten tolle, friedliche und gut vorbereitete Schlussproben", lässt Volobu-yev die letzten Wochen Revue passieren. Dass Chordirektor Eckhard Wagner auch das Orchester dirigiert, hält er für einen "Glücksfall". Das Engagement des Chors für die szenische Gestaltung sei "außergewöhnlich", und auch die Ballett-Solisten seien in die teilweise neuen Aufgaben "gut reingewachsen". Das inhaltliche und musikalische Konzept ist eine Herausforderung für alle. Volobuyev hat die Handlung um den Taugenichts und Glücksucher Peer Gynt durch eine Vorgeschichte erweitert, die von einem Teufelspakt bei der Geburt des jungen Peer erzählt und die norwegische Sagengestalt damit in die Nähe des "Faust" rückt. Musikalisch ist zu der berühmten Bühnenmusik von Edvard Grieg ("Solveigs Lied" und "In der Halle des Bergkönigs" fehlen in keiner Klassik-Hitparade) der moderne Komponist Alfred Schnittke hinzugekommen. Die Rollen werden teilweise parallel von Tänzern und Sängern verkörpert. Premiere ist Sonntag, 21. Dezember um 19.30 Uhr im großen Haus. In den Kostümen von Carola Vollath und dem Bühnenbild von Wolfgang Clausnitzer übernimmt Alexander Galitskii die Rolle des Peer Gynt, Gulnara Soatkulova tanzt die Solveig, die gleichzeitig von Vera Wenkert gesungen wird. no/joa