Generation Kassettenrekorder

Generation Kassettenrekorder

Ein Hoch auf die Schnapsidee: Das Vollplaybacktheater (VPT) Wuppertal füllt mit einer Hommage an die Jugend-Hörspielreihe "Die drei Fragezeichen" seit 14 Jahren immer größere Hallen quer durch die Republik, nun erneut auch die Trierer Europahalle. Wie gelingt das überhaupt? Eine Spurensuche.

Das Beste am Älterwerden: Irgendwann lässt das tumbe Gefühl nach, sich für alles rechtfertigen zu wollen. Die Scham verblasst, zu kindisch zu wirken. Wenn man früher an der Supermarktkasse gern drei Jahre älter wirken wollte, mag man heute vielleicht lieber fünf abziehen. Und auch vom Fremdschämen bleibt nach all den Dschungelcamps, Superstars und Barths nur müdes Achselzucken übrig. Alles gesehen, alles gehört. Für Mittdreißiger, einst mal als angebliche Generation Golf in Sippenhaft genommen, war das öffentliche Bekenntnis zu Jugend-Hörspielen seit dem ersten Pickel oder Tschernobyl tabu. Die Klassenkameraden mussten ja nicht wissen, dass man im Kinderzimmer gerne noch drei Detektive ermitteln lässt - Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Ein Vierteljahrhundert später sieht es anders aus. Mit liebevoll gemachten Hörspielen wie den "Drei Fragezeichen" kann man locker halbe Themenabende bestreiten. Etwa, wenn die sechs Schauspieler des Wuppertaler Vollplaybacktheaters mit ihrer Hommage an die drei Detektive wieder die gute alte Kassettenrekorder-Zeit beschwören. Die Europahalle: ausverkauft, wieder mal, 800 Zuschauer. Ganz wenige Kinder sind darunter und fast keine Jugendlichen. Die Mehrheit war schon auf der Welt, als Kohl noch nicht Kanzler war. Und die meisten sind auch nicht zum ersten Mal da. Das VPT ist Stammgast in Trier, seit sieben Jahren. Nur die Hallen wurden vom Forum über Tufa und BBS-Aula immer größer.

Woran das liegt? Bei ihrem Playback zu den Original-Hörspielen verwursten sie in Dutzenden Rollen so viele Film- und Serien-Zitate, dass man es fastpostmodern nennen könnte, wenn man seiner Abendplanung denn unbedingt einen intellektuellen Überbau verpassen muss. In der Rahmenhandlung geht es diesmal um die Suche nach dem gestohlenen Karpatenhund, einer gläsernen Skulpur - das ist eines der ersten Hörspiele der Serie. Das Wuppertaler Ensemble setzt die Folge pantomimisch um. Der Ton kommt von der Kassette (oder eben aus dem Computer). Gestik, Mimik und die wildesten Assoziationen liefern die Schauspieler.

Das ist alles knallbunt, plakativ und bewusst nah am Trash. Anspielungen gibt es dazu jede Menge: So werden schon traditionell die Hörspiel-Kollegen TKKG oder John Sinclair eingebaut, als Filmzitate blubbern etwa Nemo, Arielle oder Rocky herüber. Dann sind den Schauspielern auch die lautesten Lacher sicher: wenn Kindheits-Fragmente und Gegenwart mit sprühenden Ideen neu arrangiert werden. Langen Applaus gibt's anschließend soundso. Was vom Abend bleibt? Ein bisschen Nostalgie kann auch Nicht-Zurückblickern Spaß machen - wenn die Mischung aus Hommage, Parodie und Selbstironie stimmt. Und dass man die Teilchenbeschleuniger des Holzschnitt-Stereotyps, TKKG, damals vielleicht mochte? Das darf einem auch heute noch guten Gewissens peinlich sein.

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