Genianer Bnödsinn, tonn gespient

Genianer Bnödsinn, tonn gespient

Auf einer Schwachsinnswerteskala von eins bis zehn würde "Pension Schöller" gewiss einen der obersten Plätze einnehmen. Damit die hanebüchene Handlung funktioniert, braucht es Schauspieler, die jeden Quatsch mitmachen. Am Theater Trier gibt es glücklicherweise genügend davon.

Trier. Im Film "Zimmerservice" mit den Marx Brothers äußert Chico als Regisseur den denkwürdigen Satz: "Das Stück ist miserabel. Aber die Proben sind wunderbar." So ungefähr darf man sich die Inszenierungsarbeit vorstellen, die Lydia Bunk mit dem Trierer Schauspielensemble geleistet hat. "Pension Schöller" ist ein ziemlich bescheuertes Stück - aber die Proben müssen, gemessen am Endergebnis, echt gut gewesen sein.
Die Posse von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs von 1890 greift ein seinerzeit beliebtes Sujet auf: Unbedarftes Landei kommt in die Metropole Berlin und wird nach Strich und Faden vera…eppelt. Philipp Klapproth heißt der Naivling, der für sein Leben gern mal eine Irrenanstalt von innen sehen möchte. Sein Neffe Alfred organisiert für den Onkel mit Hilfe seiner Freundin Eva einen Aufenthalt in der titelgebenden "Pension Schöller", in der die Gäste meschugge genug sind, um als Irre durchzugehen. Vertrackt wird die Sache für den Onkel erst, als die vermeintlich Verrückten bei ihm auftauchen und aus seinem beschaulichen Wohnsitz die eigentliche Klapse machen.
Für das Stück (Bühnenbild: Paul Zoller; Zeitgeist-Kostüme: Annette Braun) hat Lydia Bunk tief in die Komikkiste gegriffen und sich von Wilhelm Bendow bis Heinz Erhardt Tipps geholt. Eine Posse wie "Pension Schöller", in dem der Flachsinn Hochzeit feiert, steht und fällt natürlich mit den Darstellern. Und die haben alle eine Hauptrolle.
Christian Beppo Peters gibt den vergnügungssüchtigen Provinzler Philipp Klapproth mit hinreißender Begriffsstutzigkeit. In Mimik und Habitus erinnert er an Edward Everett Horton, den genialen Nebendarsteller und Hauptkomödianten in zahlreichen Lubitsch-Filmen.
Gina Haller und Juliane Lang als Klapproths Nichten Franziska und Ida sind zwei lutschbonbonrosafarbene Backfische mit blonder Perücke und sächselndem Zungenschlag, der per se gut ist für Lacher. Ihre synchronen Auftritte absolvieren sie mit perfekt-überdrehter Choreografie.
Julian Michael Boine wirkt als Neffe Alfred Klapproth wie ein zu lang geratener Heinz Rühmann mit dicker Brille, Hochfrisur und Primanerpullunder. Seine Liebeserklärung schreibt er vorsichtshalber auf einen Zettel, um nicht mitten im leidenschaftlichen Redefluss steckenzubleiben (bleibt er natürlich!)
Die räkel- und rätselhafte Eva Kissling, halbwegs normale Bewohnerin der Pension und Alfreds Freundin , spielt mit müder Eleganz und halb verkiffter Abwesenheitspose Gitte Reppin (die sich kurz nach Beginn der Vorstellung den Fuß verstaucht, mit zusammengebissenen Zähnen bis zum Ende durchgehalten hatte und nach dem letzten Vorhang umgehend in die Notaufnahme gebracht wurde).
Tilman Rose ist die burschikose Parodie eines Weltreisenden, ein Großmaul und Aufschneider, den weder Arktis noch Löwen das Fürchten lehren können und der in fließendem Arabisch, zumindest klingt es so, kluge Sprüche von befreundeten Scheichs zitiert. Seine Lieblingsfloskel "Stellen Sie sich vor …" bringt Klap proth regelmäßig dazu, seinen Namen zu nennen. Tja, selbst der ausgelutschteste Gag, oft genug wiederholt, sorgt noch für Lacher!
Nadia Migdal, die hektisch-überdrehte Schriftellerin Josephine Krüger, ist ein typisches Beispiel für eine ADHS-Geplagte, die sich zwecks Themenfindung ihre Mitmenschen krallt wie ein Pitbull seine Beute. Äußerlich wirkt sie wie eine entfernte Verwandte der Berliner Diseuse Margo Lion, die von Kritikern als "Ausrufezeichen der Not" beschrieben wurde: ein schwarzgewandeter Hungerhaken, der nervös durch die Kulissen tänzelt.
Barbara Ullmann, Besitzerin der Pension Schöller, ist als spitzmündige Möchtegern-Operndiva hinreißend komisch in ihrer bravourösen Untalentiertheit. Bemüht damenhaft in groteske Kostüme gewandet, werden die großen Arien der verhinderten Diva zu kieksend-quietschenden Entäußerungen, die jede Fledermaus orientierungslos machen dürften. Ronja Oppelt spielt ihre Tochter, pummelig, kurzsichtig und ein bisschen doof. Auf der Ukulele begleitet sie sich ausgesprochen ökonomisch zu Marlene-Dietrich- und Zarah-Leander-Schlagern, bei denen sie haarscharf am richtigen Ton vorbeizupft und -singt. Applaus, Applaus!
Und dann ist da noch Eugen Rümpel, der verhinderte Schauspieler mit der l-Schwäche, einem in der Tat eher seltenen Sprachfehler: Cnaudio Gatzke ist der Ober in der Pension und hofft auf ein bandiges Engagement, am niebsten etwas Gewantiges wie Hamnet, König Near oder Wannensteins Nager. Ständig gibt er Kostproben seines Könnens - bis ihm die Nuft wegbneibt. Wirknich knasse!
Das irre Ensemble vervollständigt Klaus-Michael Nix als kriegsversehrter Major in knallroter Operettenuniform, mit halb weggeschossener Nase, Totenkopfzeichnung auf der linken Wange und Filzpantoffeln. Nix mimt seine Knallcharge wie aus dem Lehrbuch für die perfekte Klamotte.
Vielleicht war es dem ungünstigen Premierentermin anzulasten, dass das Theater nur zu gut zwei Dritteln gefüllt war - wer kann an einem ganz normalen Arbeitstag schon um 19.30 Uhr kulturbereit sein!? Da wäre zumindest ein Acht-Uhr-Termin schon ein Entgegenkommen für die Interessierten gewesen. Vielleicht - hoffentlich! - passt einer der nächsten Abende, an denen der abgedrehte Jux auf dem Programm steht: 25. Juni, 5., 6., 9., 10. und 17. Juli, Karten: 0651/718-1818.