Gerhard Henschel kreiert im Erfolgsroman ein Mosaik aus Erinnerungssplittern

Aufgeschlagen - Neue Bücher „Erfolgsroman“ : Buchrezension – Ein Mosaik aus Erinnerungssplittern

Die Bundesbahn stellt auf computerstellte Fahrplan­auskunft um, und die Aschenbecher klappern noch im Sechserabteil. Es ist günstiger, zum Schuster zu gehen, als ein neues Paar Schuhe zu kaufen.

Martin Schlosser, der Erzähler und Alter Ego des Autors Gerhard Henschel, ist im Jahr 1990 28 Jahre alt. Es ist der achte Roman, in dem Henschel das Leben des jungen Mannes beschreibt. Begonnen hat alles mit dem „Kindheitsroman“, in dem die Hauptperson noch bei Koblenz lebt.

1990 steht er nicht mehr hinter dem Tresen einer friesischen Diskothek, sondern geht als Reporter auf Reisen, denn Zeitschriften und Zeitungen drucken mittlerweile seine Texte, und er kann vom Schreiben leben. Für seine Reportage besucht er ein Jonglierfestival in Oldenburg, die Wiedervereinigungsfeier vor dem Berliner Reichstag oder einen Atheisten-Kongress in Fulda. Nebenbei spielt er mit seiner Großmutter in Jever Malefiz und besucht Tantra-Workshops.

Henschel beschreibt viele Details, die es heute nicht mehr gibt und nutzt für seine Pointen die sich ergebende Situationskomik. Für jüngere Leser ermöglicht er dadurch das Eintauchen in eine Zeit, die sie nicht mehr kennengelernt haben. Es fallen Namen von Personen des öffentlichen Lebens von damals, die den Jüngeren nichts mehr sagen.

Wer heute um die 60 Jahre alt ist, erkennt sich in vielen Situationen wieder und erinnert sich. Fast dokumentarisch, aber erzählerisch verdichtet beschreibt der Autor in kurzen Sequenzen Situationen aus seinen Endzwanzigern. Die Erinnerungssplitter ergeben zusammengefügt ein Mosaik. Die Gefühle der Hauptperson benennt der Autor zwar oft, führt sie an vielen Stellen aber nicht tiefer aus – der Stil der Erzählung sieht das nicht vor. Denn die linear voranschreitende Chronik ist keine fiktive Handlung mit Dramaturgie, und nichts wird dazu erfunden. Der Autor beschreibt seinen Alltag stellvertretend für seine Generation. Unaufgeregt, aber mit viel Witz.

Gerhard Henschel, Erfolgsroman, Hoffmann und Campe Verlag 2018, 602 Seiten, 26 Euro.