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Geschichte
Stolperstein für NS-Opfer: Trierer Mädchen dem Vergessen entrissen

 Das Passfoto von Gertrud Schloß auf der Ausreisegenehmigung nach  Luxemburg.
Das Passfoto von Gertrud Schloß auf der Ausreisegenehmigung nach Luxemburg. FOTO: Privat / privat
Trier. Ein Stolperstein in der Saarstraße 31 erinnert heute an eine Triererin, die den meisten Menschen unbekannt sein dürfte. Gertrud Schloß war Jüdin, engagierte Sozialdemokratin, Feministin, Dichterin und (Theater-)Autorin, zudem homosexuell. Damit erfüllte sie gleich mehrere Feindbilder der Nationalsozialisten, ein Umstand, der sie – genau wie Millionen andere auch – das Leben kostete. Von Julia Nemesheimer

Am 18. Januar 2019 jährt sich der Geburtstag der bemerkenswerten Triererin zum 120. Mal. Dieses Jubiläum nimmt der hiesige Verlag édition trèves zum Anlass, ihren 1932 erschienenen Gedichtband unter dem Titel „Die Nacht des Eisens“ erneut zu veröffentlichen. Darin enthalten ist auch eine 40-seitige Biografie Gertrud Schloß‘ von der Historikerin und Sozialdemokratin Tamara Breitbach. „Ich habe erstmals bei einer Stolpersteinführung des Frauenchors Polyhymnia von Gertrud Schloß gehört“, berichtet Breitbach. Für die Geschichtswissenschaftlerin eine interessante Person, über die sie mehr herausfinden wollte. Denn tatsächlich hatten die Nazis etwas fast geschafft: Die Erinnerungen und die Hinterlassenschaften der Jüdin Gertrud Schloß komplett auszulöschen.

Heute gibt es nur noch wenige Einzelexemplare ihrer Werke, etwa in der Deutschen Nationalbibliothek, in Luxemburg und den USA. Nur durch die Rezensionen zur Uraufführung in den Zeitungen konnte Breitbach deren Theaterstück und dessen Inhalt greifbarer machen, das Stück selbst ist verschollen. Auch die Gedichte wären ohne den Lokalhistoriker Eberhard Klopp wohl verschwunden geblieben. Durch seine Recherchen für ein Buch zur Trierer Arbeiterbewegung stieß er auf die Sozialdemokratin und fand mit édition trèves einen Verlag, der 1985 den Gedichtband „Begegnungen“ neu publizierte. In den folgenden Jahren beschäftigten sich weitere Personen in Kurzbiografien, Artikeln und in Form eines Theaterstücks von 2002 mit Gertrud Schloß‘ Leben.

       Der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe mit Verleger Rainer Breuer und Autorin Tamara Breitbach stellen das Werk auf der Frankfurter Buchmesse vor.
    Der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe mit Verleger Rainer Breuer und Autorin Tamara Breitbach stellen das Werk auf der Frankfurter Buchmesse vor. FOTO: édition trèves

1899 wird sie in Trier als erste Tochter einer alteingesessenen jüdischen Familie geboren, ihr jüngerer Bruder folgt 1902. Aus dem Großbürgertum stammend genießt sie als Mädchen eine fundierte Ausbildung und schließt 1920 die „Königlich höhere Mädchenschule“ (seit 1913 Auguste-Viktoria-Schule) mit dem Abitur ab. Während des Ersten Weltkriegs lernt sie in der Garnisons- und Lazarettstadt Trier die grausigen Seiten des Krieges kennen. Erlebnisse, die sie in ihren Gedichten festhält und die sie selbst zur Pazifistin machen. Das erfolgreiche Familienunternehmen, eine Fabrik für Herren- und Knabenkleidung, ermöglicht ihr anschließend ein kostspieliges Studium in Würzburg, Frankfurt am Main und Heidelberg. Sie studiert Nationalökonomie und schließt mit einer Dissertation zum Thema „Der Staat in der bolschewistischen Theorie und Praxis“ ab. Ab 1923 ist sie berechtigt, den Doktortitel zu führen. In den folgenden Jahren ist sie als Schriftstellerin tätig und veröffentlicht „Groschenromane“, zumeist mit starken Frauenfiguren. Außerdem entstehen Gedichte mit einem genauen Blick auf Armut, Einsamkeit und die Härte der Zeit zwischen den Kriegen. Zu ihrem Repertoire gehören auch erotisierende Liebesgedichte, in denen ihre Homosexualität klar zum Ausdruck kommt.

Schon früh ist sie in die SPD eingetreten und engagiert sich politisch. Sie ist zudem Mitglied in der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“, zeitweise auch in Trier deren Vorsitzende. Sie arbeitet journalistisch, schreibt ab 1924 für die SPD-nahe Tageszeitung „Volkswacht“, darunter Leitartikel sowie Theater- und Kulturrezensionen. Inhaltlich richtet sie sich in ihren Artikeln auch gegen die erstarkenden Nationalsozialisten. 1928 wird ihr erstes Theaterstück „Ahasver“ am Theater Trier erfolgreich uraufgeführt. 1932 erscheint ihr Gedichtband „Begegnungen“. In den folgenden Jahren werden mehrere Romane veröffentlicht, die allerdings unter ihren Pseudonymen Alice Carno und Mary Eck-Troll.

Ebenfalls 1932 verlässt sie Trier in Richtung Frankfurt am Main in der Hoffnung, in der anonymen Großstadt der NSDAP und den zunehmenden Repressionen gegen Juden zu entgehen. Ihre Ausreiseanträge werden lange Zeit abgelehnt, erst 1939 erhält Gertrud Schloß für sich, ihre Mutter sowie ihren jüngeren Bruder die Genehmigung, nach Luxemburg überzusiedeln. Die vermeintliche Sicherheit im kleinen Nachbarstaat währt allerdings nicht lange — im August 1940 wird die Schriftstellerin in ein Sammlungs- und Internierungslager für Luxemburger Juden verschleppt, im Oktober 1941 verlässt sie Luxemburg im Zug. Der Weg führt ins Konzentrationslager Lodz in Polen und endet im Januar 1942 mit ihrem Tod im Konzentrationslager Chelmno.

„Heute, dank der Digitalisierung, ist die Recherche viel einfacher geworden. Die Reisewege sind kürzer und in meinem Essay konnte ich einige Dinge neu entdecken oder korrigieren, etwa ihr Studienfach. Das wurde zuvor nämlich fälschlicherweise als Philosophie angegeben“, erzählt Tamara Breitbach von ihrer Arbeit. „Für mich war Gertrud Schloß ein „Trierer Mädchje“, auch wenn sie das wohl ablehnen würde“, meint Breitbach, schließlich habe die Autorin in ihren Texten eine enge Verbundenheit zur Heimat gezeigt und den Großteil ihres Lebens hier verbracht.

Der neu aufgelegte Gedichtband wird bei der Gedenkveranstaltung für Gertrud Schloß am Freitag, 18. Januar, in der Tuchfabrik von Breitbach vorgestellt (siehe Info).

„Dass wir die Erinnerung an Gertrud Schloß aufrechterhalten, sehe ich als Klatsche gegen die Nazis, dass sie mit all ihrer menschenverachtenden Ideologie nicht durchkommen“, sagt Tamara Breitbach.

Gertrud Schloß, „Die Nacht des Eisens Gedichte mit einem biografischen Essay von Tamara Breitbach“, 90 Seiten, éditions trèves, 12,80 Euro.