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Gesamtkunstwerk aus Sprache und Musik in Bernkastel-Kues

Bernkastel-Kues. Einmal mehr war das Fauré Quartett zu Gast beim Mosel Musikfestival. Gemeinsam mit Dominique Horwitz, der zum zweiten Mal beim Festival auftrat, gestaltete es einen Abend, der sich mit dem jungen Felix Mendelssohn Bartholdy und seinem bewunderten väterlichen Freund Johann Wolfang von Goethe befasste - ein gleichermaßen musikalisch wie literarisch gewinnbringender Abend. Eva-Maria Reuther

Mit dem Wort "Wunderkind" hatte er so seine Probleme. Den Begriff fand er eher absonderlich. Dass hingegen das Spiel des zwölfjährigen Felix Mendelssohn Bartholdy etwas "ganz Wunderbares" sei, das stand für Geheimrat Goethe fest.

Sein Freund Carl Friedrich Zelter hatte seinen begabtesten Schüler 1821 zu einem Besuch nach Weimar mitgebracht. Der Funke sprang beiderseits sofort über. Aus dem ersten Treffen entwickelte sich eine jahrelange Verbundenheit zwischen dem Dichterfürsten und dem früh vollendeten Komponisten.
Mosel Musikfestival


Die Freundschaft zwischen Goethe, Zelter und Mendelssohn ist aus zahlreichen Briefen und Zeitzeugenberichten hinlänglich bekannt. Weniger geläufig sind dagegen die drei Streichquartette, die das junge Genie im Alter von zwölf bis 15 Jahren komponierte, der Zeit, in die seine Besuche bei Goethe fallen. In ihnen wird bereits Mendelssohns geniales Talent deutlich.

Im Kloster Machern in Bernkastel-Kues haben das Fauré Quartett und Dominique Horwitz als Sprecher dem jetzt abgeholfen. In einer höchst unterhaltsamen wie stimmungsvollen konzertanten Lesung verdichteten die fünf Künstler Musikalisches und Biografisches zu einem ebenso aufschlussreichen wie klangsinnlichen Gesamtkunstwerk.
Dominique Horwitz, inzwischen selbst Autor und bestens bekannt als Sänger und Schauspieler, las einen Text von Sascha Frömbling (dem Bratschisten des Ensembles) zu Mendelssohns Besuch in Weimar. Geradezu plastisch gestaltete seine ausdrucksstarke Stimme die Hauptakteure des Treffens: den jungen ungestümen, aber durchaus selbstbewussten Mendelssohn, den weisen, dabei leidenschaftlichen Goethe, und schließlich Zelter. Leibhaftig vor Augen hatte man den gesetzten, hochangesehenen Musikprofessor und Leiter der Berliner Sing-Akademie, von dem sein Freund Goethe sagt, er treffe immer den Nagel auf den Kopf. Als Erster hatte er auch Mendelssohns Genie erkannt, das er noch höher als das von Mozart schätzte. Was Horwitz berichtete, orchestrierte das Quartett vielfarbig und spannend. Das Fauré Quartett, das wie der Schauspieler zum wiederholten Mal beim Mosel Musikfestival zu Gast war, gehört fraglos zu den besten Klavierquartetten dieser Zeit.

Frisch, kraftvoll und mit einer ansteckenden Lust am Spiel gingen die Musiker Mendelssohns Frühwerk an und entfalteten in der strengen Sonatenform der Klavierquarttete Nummer zwei f-Moll und Nummer drei h-Moll die ganze Vielfalt und Ausdrucksfülle der Kompositionen.
Kraftvolle Dynamik


Trotz packenden Zugriffs blieben Struktur und Ursprünge der Musik hörbar. Seit Jahren spielt das Quartett in derselben Besetzung zusammen. Auch von daher mag sein analytisches Spiel rühren, der enorm kultivierte Klang, die innere Spannung und die kraftvolle Dynamik.

Dirk Mommertz lässt das Klavier funkeln und leuchten, ist Impulsgeber und Treibkraft. Im ersten Satz des Quartetts Nummer zwei machte er zeitweise allerdings sein eigenes Ding.
Erika Geldsetzers Violine kann wunderbar singen. Herrlich intim gelang das Adagio des Quartetts Nummer zwei. Nach der Pause standen Mendelssohns Besuch bei Cherubini in Paris im Mittelpunkt und das zukunftsweisende Quartett Nummer drei in h-Moll.

Mit der erstaunlich reifen Komposition empfahl sich der 15-Jährige dem "brummigen", aber kenntnisreichen Komponisten. Womit endgültig die Entscheidung für eine Laufbahn als Musiker gefallen war. Großartig erklangen der gespenstische dritte Satz und das irrlichternde Finale, das bereits auf den "Sommernachtstraum" verweist. Schlüssig endete dann auch Horwitz' Lesung mit einem musikalischen Sommerabend in Mendelssohns Elternhaus in Berlin und einer Aufführung des Stücks. Ein rundum gelungener Abend, den das Publikum im vollen Saal mit anhaltendem Beifall bedachte.
Extra

Dominique Horwitz wurde am 23. April 1957 in Paris, wo seine Eltern einen Feinkostladen betrieben, geboren. Seine Eltern waren Juden, die vor den Nationalsozialisten geflohen sind. 1971 zog die Familie zurück nach Deutschland. Horwitz erhielt seine erste Fernsehrolle 1977, ein Jahr später folgte eine Kinorolle. Er ist als Schauspieler, Sänger und Schriftsteller tätig. Seit 2003 lebt er in der Nähe von Weimar. jwa