Gesang und Geigen

Die bekannte schwedische Sängerin Rigmor Gustafsson hat ihr neues, siebtes Album "Calling You" gemeinsam mit dem radio.string.quartet. vienna produziert.

Darauf zu finden sind viele Cover-Versionen von Titeln aus dem Jazz- und Pop-Bereich, aber auch Eigenkompositionen von Gustafsson und Mitgliedern des Streichorchesters. Eindruck: ein tolles Album, das viele neue Klangerlebnisse bietet, aber auch einige Schwächen aufweist.

In der Geschichte der Musik erweisen sich im Nachhinein betrachtet häufig gerade diejenigen Kombinationen als richtungsweisend oder stilprägend, an die zunächst niemand geglaubt hat. So vielleicht auch dieses erstmalige Zusammenwirken der schwedischen Jazz-Sängerin mit dem Streichquartett. Beide neuen Partner sind quasi bereits mit Überraschungen in die Musikszene eingestiegen: Gustafsson mit stilistisch so unterschiedlichen Interpretationen von Dionne Warwick/Burt Bacharach (Album ,,Close To You") bis hin zu Michel Legrand (CD ,,On My Way To You"), das multinationale radio.string.quartet.vienna ließ 2006 aufhorchen mit seinem Album ,,Celebrating The Mahavishnu Orchestra", womit ihm laut Münchner ,,tz" gar der ,,Überraschungscoup des Jahres" gelang.

Und jetzt also die Zusammenarbeit der Überraschenden, die sich nach Gustafsson folgendermaßen ergab: "Als ich das r.s.q.v. 2008 in Essen das erste Mal hörte, war ich sofort in die vier verliebt. Ich fühlte eine besondere Verbindung durch ihre Hommage an das Mahavishnu Orchestra. Denn als Mädchen spielte ich Gitarre, und mein absoluter Held war John McLaughlin - was im Nachhinein betrachtet sicher ungewöhnlich ist für ein Mädchen von einem schwedischen Bauernhof ohne irgendeine musikalische Tradition in der Familie", berichtet Gustafsson.

Schon bald danach fragte sie bei den Wienern an, ob man nicht etwas ,,zusammen machen" könne. Gemeinsam haben sie dann im Wiener ,,Clipwerk" im Juni und Oktober 2009 dreizehn Songs eingespielt (Gesamtlaufzeit rund 55 Minuten). Darunter sind viele Cover-Aufnahmen aus dem Jazz- und Pop-Bereich, aber auch Eigenkompositionen von Gustafsson - die inzwischen so weit ist, dass sie eigene Stücke covert! - sowie Mitgliedern des Streichquartetts. Dazu kommt noch ein Arrangement eines schwedischen Volkslieds.

Der Titelsong ,,Calling You" stammt zum Beispiel aus Percy Adlons bekanntem Film ,,Out of Rosenheim" mit Marianne Sägebrecht vom Jahr 1987 und wurde damals von Jevetta Steele gesungen. Der Song kam zuletzt auf das Album, wie Violinist Bernie Mallinger (Wien) erzählt: "Einen Tag vor der Studiosession sah ich durch Zufall den Film "Out of Rosenheim". Der unglaublich schöne Titel-Track "Calling you" schien mir vom ersten Moment an wie gemacht für eine Version mit Streichquartett. Wir haben den Song praktisch im Studio erarbeitet und sind sehr glücklich mit dem Ergebnis."

Los geht's allerdings mit einem Arrangement von Paul Simons berühmtem "Still Crazy After All These Years" - einer Version, die meines Erachtens nicht an das Original tippen kann. Dann folgt eine tolle Interpretation des Standards ,,Making Whoopee" (2) von Gus Kahn und Walter Donaldson (1929), die hier mit gezupften Saiten einsetzt, denen dann Rigmors zunächst schmeichelnde Stimme, später auch mit Scat-Gesang folgt, der in einem Ansingen gegen die Geigen gipfelt.

Dann folgt mit ,,Goodbye For Now" (3) die einzig wirklich neue Eigenkomposition Gustafssons, eine melodiöse Ballade, in der die gezupften Streicher stark in den Vordergrund drängen. Ihre anderen eigenen Werke auf "Calling You", ,,Makin' Whoopee" (2, siehe oben), "Nothing's better than love" (12) und "Close to You" (8) hingegen sind neue Arrangements bereits auf ihren vorangegangenen CDs veröffentlichter Songs, die jedoch jetzt noch mal stark gewinnen.

Höhepunkt des Albums für mich: "Fancy Nancy" (5), eine Eigenkomposition von Asja Valcic, der kroatischen Cellistin des r.s.q.v. Dieser Titel ist ein furioser Galopp, den Gustafsson mit ihrer ansonsten eher warmen, schmeichelnden Stimme hier aggressiver darbietet.

Hervorragend ist auch das Cover von Joni Mitchells ,,The Dry Cleaner From Des Moines" (10) gelungen, das mit einer wilden Parforcejagd der Streicher beginnt. Dann setzt die klare Stimme Gustafssons ein, in einer Art Sprechgesang wie bei Joni Mitchell selbst. Das Stück setzt sich fort mit langsamen Streichern, später wird's wieder äußerst wild.

Auffallend bei vielen Songs das Spiel der taiwanesischen Bratschistin Cynthia Liaos, die ihr Instrument recht lasziv einsetzt. Eine musikalische Perle: ,,Wherever We Go" (9) von r.s.q.v.-Geiger Johannes Dickbauer: Ihm ist hier eine herzzerreißende Pop-Elegie gelungen, die Rigmor Gustafsson mit verträumter Stimme vorträgt.

Stevie Wonders ,,If It's Magic" (6), arrangiert von Geiger Bernie Mühlbauer, ist ein langsamer, getragener Titel, den Gustafsson mit glockenklarer Stimme interpretiert. Das schwedische Volkslied ,,Ack Värmland Du Skonä" (13) lassen die Musiker abschließend zu einem umfassenden Klangexperiment anwachsen, das zum einen von Rigmors langsamer Intonierung, zum anderen aber vom ausufernden Spiel der Streicher getragen wird. Eine gelungene Hommage an Gustafssons südschwedische Heimatregion Värmland.

"Calling You" ist ein außergewöhnliches Album. Produziert von Musikern unterschiedlicher Genres, die in einer solchen Kombination noch nicht zusammengearbeitet haben. Trotz einiger Schwächen zum großen Teil ein Klangerlebnis, ein echtes Hörvergnügen.

Rigmor Gustafsson & radio.string.quar tet.vienna.: Calling You, act music + vision, act 9722-2 cofi/to

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