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Geschichte: Geschichte: Ein uralter Schatz im Pfälzer Boden und die Hunnen

Geschichte : Geschichte: Ein uralter Schatz im Pfälzer Boden und die Hunnen

Abenteuer Archäologie: Ein Schatzsucher buddelt in einem Wald. Seine Entdeckung fasziniert Archäologen, beschäftigt Gerichte - und erinnert an die Zeit, als die Hunnen hier auftraten.

Reiternomaden gegen Legionäre! Mitten im römischen Gallien, dem heutigen Frankreich, steht an einem Junitag des Jahres 451 nach Christus eine Schlacht bevor: Attila, Herrscher des Reitervolks der Hunnen aus Osteuropa, will mit seiner Invasionsarmee Beute machen und die Politik der römischen Kaiser mitbestimmen.

Die Gelegenheit scheint günstig, denn sein Widersacher, der römische Feldherr Aetius, steht einem wankenden Imperium Romanum vor: Das Reich ist geteilt, die Wirtschaft schwächelt, die Bevölkerung leidet unter Bürgerkriegen. Dazu kommen bröckelnde Grenzen an Rhein und Donau, über die nichtrömische "Barbaren”, Germanen und Hunnen, einfallen. Sie plündern, verwüsten, bleiben - es ist die Zeit der "Völkerwanderung" (375 bis 568 nach Christus). "Das war eine Migration kleinerer und größerer Gruppen über Jahrhunderte. Sie wurde aus Asien und dem nordeuropäischen Raum angestoßen", erklärt Historiker Christoph Schäfer, Professor der Uni Trier. "Häufig waren es germanische Verbände, die sich auf die (römische) Reichsgrenze zubewegten, diese überschritten und Nachfolgereiche errichteten."
In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern sind die Römer (noch) siegreich: Aetius besiegt Attila, der zieht gezwungermaßen gen Osten ab, ins heutige Ungarn.

Vielleicht hat auf diesem Rückzug (oder auf dem Weg zur Schlacht) ein Gefolgsmann des Hunnenherrschers im Boden der heutigen Pfalz etwas vergraben, dessen Entdeckung Hunderte Jahre später Archäologen begeistert: den "Schatz" von Rülzheim. Seine Besonderheit: ein Mix aus Exponaten einer hochstehenden antiken Kultur und Dekorationsstücken einer barbarischen Welt. Da finden sich neben Resten eines hochwertigen römischen Klappstuhls eine hunnische Silberschale, mit der ihr Besitzer Macht demonstrierte. Ein zerstörter römischer Spiegel begleitet osteuropäische Applikationen, Zierelemente eines Umhangs. "Solche Funde sind sehr selten und in unserer Gegend bislang einzigartig”, sagt Ulrich Himmelmann, Leiter der Außenstelle Speyer der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Das Besondere sei der Bezug nach Osteuropa. "Da gibt es eine Reihe großer Schatzfunde aus dieser Zeit. Hier bei uns war so etwas bislang völlig unbekannt.”

Es könnte zugleich auch ein Hinweis auf die tatsächliche Anwesenheit der Hunnen in unserem Raum sein. Denn antike Schriften erwähnen, dass die Reiter nicht nur bei Attilas Zug (der über das bereits zerstörte Trier führte), sondern schon davor im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz präsent waren - als Verbündete des Aetius (im Jahre 435) im Kampf gegen germanische Burgunder. Ob bei diesem Feldzug der Schatz ins Erdreich gelangte? Oder bei einer anderen Gelegenheit? "Vielleicht handelt es sich um ein sogenanntes ,Totenopfer', eine im hunnischen Gebiet in dieser Zeit typische Bestattungsform hochgestellter Personen", mutmaßt der Speyerer Experte.

100 Teile umfasst der Fund, aber er bleibt rätselhaft - und das hängt mit seiner Entdeckungsgeschichte zusammen: Ein Hobby-Archäologe hatte 2014 im Wald bei Rülzheim den Hort entdeckt. Er grub ihn ohne Genehmigung aus, zudem übergab er den Fund erst Monate später. "Wir hätten deutlich mehr herausfinden können, wenn wir die Ausgrabungsstelle unberührt angetroffen hätten”, sagt Himmelmann. Er nennt ein Beispiel: "Wir hätten zum Beispiel aus der Lage der erhaltenen Gegenstände auf Teile aus vergänglichem Material, zum Beispiel Holz, schließen können. Auch hätte die Lage der Golddekoration Aufschluss zu den dazugehörigen Textilien [Kleid] geben können. .Vielleicht hätte man auch organische Reste gefunden, die dann im Labor analysiert worden wären. Durch die unsachgemäße Ausgrabung sind aber alle Spuren dieser Art vernichtet worden."

Immerhin: In mühevoller Arbeit haben die Wissenschaftler den Stuhl restauriert, er kann erstmals in der Mainzer Ausstellung bestaunt werden. Die Eisenstäbe hatten nach der Ausgrabung an der freien Luft schnell angefangen zu rosten, dadurch wurde die umgebende Silberfolie gesprengt. "Die Stuhlteile wurden daher sauerstofffrei gelagert, um den Zerfall zu stoppen”, erklärt Himmelmann.

Wer den Stuhl damals vergrub, wieso weshalb warum - das bleibt wohl ein Geheimnis. Die Hunnen sind Geschichte. König Attila stirbt kurz nach der Schlacht in der Hochzeitsnacht - im Bett, friedlich. Nach seinem Tod zerfällt sein Reich. Aetius, der siegreiche Römer, wird Opfer einer Palastintrige: Der Kaiser höchstpersönlich ersticht seinen General mit einem Dolch. Roms Herrschaft zerfällt derweil weiter, 20 Jahre später tritt der letzte Cäsar Westroms ab - abgesetzt von einem Germanenfürsten. Was bleibt? Die Erinnerung an Attila. Und ein rätselhafter Fund im Boden von Rheinland-Pfalz.Extra: PROZESS GEGEN DEN FINDER DES SCHATZES

(mc/dpa) Der Entdecker des Rülzheim-Schatzes ist wegen Unterschlagung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, doch der Fall wird nach Berufung und Revision erneut vor dem Landgericht Frankenthal aufgerollt. Dieses habe nicht ausreichend ermittelt, ob der Schatz eine besondere wissenschaftliche Bedeutung habe, teilte das Pfälzische Oberlandesgericht im August 2016 mit. Dies sei aber für die Strafbarkeit des Beschuldigten entscheidend. Nun prüft ein Sachverständiger den Wert der Sammlung. Ein Termin für den Prozess stehe noch nicht fest, teilte ein Sprecher des Landgerichts auf TV-Anfrage mit.Extra: ARCHÄOLOGIE-AUSSTELLUNG DES LANDES

Zum 70. Geburtstag des Landes Rheinland-Pfalz zeigt eine große Ausstellung in Mainz die Bandbreite dessen, was die heimischen Altertumsforscher in den vergangenen sieben Jahrzehnten entdeckt haben. Die Schau "vorZEITEN" - Archäologische Schätze an Rhein und Mosel" ist bis zum 29. Oktober im Landesmuseum in Mainz zu sehen und bietet einen Streifzug durch 800 000 Jahre Menschheitsgeschichte. Mehr zur Landesausstellung auf www.vorzeiten-ausstellung.deMehr zum Thema

Foto: Jürgen Vogel/LandesMuseum Bonn (g_kultur

Texte, Videos und Fotos in unserem Online-Special zur TV-Serie mit ausführlicher Zeittafel und einem Hintergrund zur Völkerwanderung im Dossier auf www.volksfreund.de/vorzeiten.

TV-Serie Abenteuer Archäologie: Im vorigen Teil unserer Serie haben wir einen Blick auf die Blütezeit der Römer und die herausragende Rolle der Stadt Trier geworfen . Im nächsten Teil berichten wir über die Gräberfunde in Münstermaifeld, die Aufschluss über die Zeit der Merowinger und das Mittelalter geben.Karte: Fakten zur Völkerwanderung (im Hintergrund die heutigen Staatsgrenzen)
Alternative Darstellung: Vollbildanzeige der Karte