Gestern und Heute

Luxemburg. Mit Alfred Brendel war einer der ganz großen Pianisten bei den Echternacher Festspielen zu Gast. Es war nicht nur Begeisterung, sondern auch Ehrfurcht dabei, als das Publikum ihm nach seinem Solo-Abend mit stehenden Ovationen dankte.

In einer Konzertbesprechung war vor einigen Jahren einmal zu lesen, er sei der letzte große Tasten-Gigant des Jahrhunderts. Neben dem Lächeln, das die Verdoppelung ‚groß' und ‚Gigant' verursachen mag, muss man feststellen: Das Jahrhundert ist schon einige Jahre alt und Alfred Brendel spielt immer noch. Dabei hinterlässt er nicht den Eindruck eines Giganten. Eher bescheiden war sein Auftreten in der ausverkauften Luxemburger Philharmonie, wo er bei den Echternacher Festspielen gastierte. Unauffällig kam er auf die große Bühne, sammelte sich und begann mit seinem Vortrag. Auch ein schon in den ersten Takten dazwischenplärrendes Handy brachte ihn nicht aus der Ruhe. Er unterbrach, sandte in die Richtung, aus der die Misstöne kamen, einen verständnislosen und bösen Blick und setzte von neuem an. Wenn Brendel, der 1931 in Mähren geborene Musiker und Poet, vom Steinwayflügel Besitz ergreift, muss man still werden. Dann hat man mit jemandem zu tun, der etwas zu erzählen hat. Der Gedichte schreibende Pianist lässt seinem Publikum keine Wahl. Die Art, wie er mit Joseph Haydn, Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozart korrespondiert, wie er mit ihnen über die Musik in einen Diskurs geht, ist einzigartig. Gewiss, das ist schon oft festgestellt worden. Die Häufigkeit ändert aber nichts an der Richtigkeit der Aussage. Zweimal war es Papa Haydn, mit dem Brendel in Luxemburg Zwiesprache hielt, einmal über die D-Dur Sonate, Hob. XVI:42 gleich zu Beginn, am Ende war es die C-Dur Sonate, Hob. XVI:50. Mit Schubert erörterte er die Frage, ob die Sonate Nr. 18 in G-Dur, D 894, wirklich eine Sonate oder eher eine Fantasie sei, wohingegen er für Mozart mit der c-Moll Fantasie, KV 475, und dem Rondo a-Moll, KV 511, die Themen Trauer und Schmerz ausgewählt hatte. Für jeden der großen Meister hatte Brendel seine eigene Sprache, individuell und doch verbindend. Ernst aber zuversichtlich bei Mozart, humorvoll und verschmitzt bei Haydn, geheimnisvoll, ja fast mystisch bei Schubert.Recital war wie eine stille Messe

Hermann Lewen, Intendant der Mosel Festwochen, bezeichnete das Recital spontan als Pontifikalamt. Wenn auch die Intention dieser Titulierung einen wahren Kern hat, muss man doch widersprechen. Es gab keinen Pomp, keine Feier, bei der durch Äußerlichkeiten etwas zelebriert wurde. Eher war man geneigt, von einer stillen Messe zu sprechen, bei der die inhaltlichen Geheimnisse erforscht wurden. Sechs Jahre sind es schon, die der große, bescheidene Brendel ein beeindruckendes Bindeglied zwischen dem vergangenen und dem aktuellen Jahrhundert darstellt. Und er hat uns noch viel zu erzählen.