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Getanzter Leidensweg

Getanzter Leidensweg

Mit seinem getanzten Requiem "Stabat Mater" nimmt der Trierer Choreograph und Regisseur Urs Dietrich in einer eindrucksvollen, gleichwohl pessimistischen Produktion in den Viehmarktthermen einmal mehr das alte Thema vom menschlichen Schmerz und ewiger Heilssuche auf.

Trier. Der Raum liegt im dämmrigen Licht. Auf dem mit weißen Tüchern abgedeckten Sofa sitzt scheinbar unbeteiligt ein Mann im schwarzen Anzug. Über die rohe Mauer hängt ein weißes Tuch, das wie ein leeres Altarbild wirkt, das der Betrachter mit eigenen Bildern füllen muss. Eine ebenfalls weiß verhüllte Gestalt betritt den Raum, geführt und begleitet von einer Frau im schwarzen Spitzenkleid. Was so unschuldig weiß, geradezu madonnenhaft daherkommt, entpuppt sich als das Böse schlechthin. Ein Ungeheuer in schwarzem Leder mit Gesichtsmaske, eine Mischung aus Teufel und Sadomacho kommt unter der sakral anmutenden Hülle hervor (Ausstattung Alfred Peter, Urs Dietrich).
Keine Frage: Der Trierer Choreograph Urs Dietrich weiß, wie es im Leben zugeht, weiß um das Leiden, um Verführung, künstliche Paradiese und den daraus resultierenden Schmerz. Und er weiß auch um die ewige Suche nach Liebe, Nähe und Geborgenheit. Was er so als Einsicht in menschliches Sein gewonnen hat, setzt er in Körpersprache und eindringliche Bilder um.
Seinen getanzten Leidensweg hat Dietrich in den Trierer Viehmarktthermen verortet. Musikalisch macht er ihn an Giovanni Battista Pergolesis Komposition "Stabat Mater" fest, aus der die Sopranistin Frauke Burg und der Countertenor Fritz Spengler Auszüge singen, begleitet von der Orgel (Musikalische Leitung Malte Kühn).
Raum in den Thermen zu eng


Dietrich ist ein Meister der inneren Bewegung. Auch was sich hier in Tempo und dramatischen Gesten nach außen entlädt, sich verdreht, zuckt und die Glieder zu Ausrufezeichen macht, ist veräußerte Seelenwelt. Dietrichs Schmerzensmutter, das alte Passionsmotiv, von dem auch Pergolesis Musik handelt, ist eine Frau dieser Tage. Schreiend und kreißend im Leid, gebiert sie immer neuen Schmerz.
Es sind ausdrucksstarke Bilder, die der Choreograph und seine Tänzer schaffen. Bilder von Ersatzwelten und künstlichen Paradiesen, in denen Alkohol, Drogen oder sexuelle Gewalt herrschen, Sackgassen auf dem Weg nach Zuneigung und Wärme. Dietrichs Choreographie setzt auf Schnelligkeit und kraftvolle Gesten. Von den Bewegungen der Tänzer geht eine ungeheure, häufig an Gewalt grenzende Energie aus, die das Suchen nach Liebe und die Sehnsucht umso dringlicher macht. Dazu steigt Pergolesis Musik tröstend und wie ein Heilsversprechen zum Himmel, bis ein anhaltender Orgelton die Harmonie stört.
Großartig: Fritz Spenglers wunderbare Stimme. Herausragend unter den Tänzern: die hochexpressive Kiri Haardt als Gast und Darwin José Diaz Carrero. Problematisch bleibt der zu enge Raum des Thermenzentrums, der den Überblick einschränkt. Gerade den Gruppenszenen hätte zudem mehr Luft gut getan. Viel Beifall.
Weitere Aufführungen: 27. November, 19. und 28. Dezember, 10., 26. und 28. Januar.