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Gewaltiges Raumerlebnis, donnernder Klang

Trier. Gewaltig hatte es mit Beethoven begonnen. Eindrucksvoll und international endete das Jubiläumsjahr des Mosel Musikfestivals am Samstag in der Trierer Basilika. Auf dem Programm: Werke der französischen Spätromantik. Die herzlich applaudierenden Zuhörer bedankten sich für ein gigantisches Konzert und einen gelungenen Konzertsommer. Eva-Maria Reuther

Trier. International ging es her beim Schlussakkord des Mosel Musikfestivals. Mit seinen 30 Jahren ist das Festival das älteste und größte in Rheinland-Pfalz, wie Kulturstaatssekretär Walter Schumacher in Vertretung der Schirmherrin Ministerpräsidentin Malu Dreyer betonte.
Etwa 14 000 Gäste haben in diesem Jahr die Konzerte und Events besucht, über zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Dass die ursprünglichen Mosel-Musik-Festwochen ihren namensgebenden Fluss als europäisches Band verstehen, zeigte einmal mehr das Schlusskonzert der Jubiläumsausgabe. Das gemeinsame Musizieren deutscher, luxemburgischer und französischer Chöre wurde zur gigantischen musikalischen Demonstration europäischen Gemeinsinns.
In Anwesenheit der über 800 Besucher - darunter die deutsche Botschafterin in Luxemburg und ihr französischer Kollege - sangen der Trierer Bachchor, der Straßburger Kathedralchor, Kammerchor und Knabenchor des Konservatoriums Luxemburg sowie die Trierer Domsingknaben und der Mädchenchor am Trierer Dom gemeinsam Hector Berlioz' monumentales "Te Deum" op. 22. Begleitet wurden sie vom Philharmonischen Orchester der Stadt Trier. Das ambitionierte Projekt unter der engagierten musikalischen Leitung von Martin Bambauer war eine Kooperation des Festivals mit der Evangelischen Kirchengemeinde Trier.
"Mein Requiem hat einen Bruder, der mit Zähnen auf die Welt gekommen ist", schrieb Hector Berlioz an Franz Liszt nach der Uraufführung seines "Te Deum" zur Eröffnung der Pariser Weltausstellung 1855. Wie bedrohlich diese Zähne und wie widerspenstig der geistliche Bruder ist, war in der Basilika zu erfahren.
Mit seiner triumphalen Vergangenheit und seinen überwältigenden Ausmaßen entspricht der Raum durchaus dem Geist der Komposition. Einen Hang zum Pompösen hatte das ursprünglich zur Krönung Napoleon III. geschriebene "Te Deum" schließlich immer. Auch Bambauer weist in seinem Begleittext darauf hin, dass die Komposition einer großen Kirche bedarf. Genau darin bestand ein Grundproblem der Trierer Aufführung. Ist doch die Basilika nicht als Kirche, sondern als Palastaula gebaut.
Der bei der Verkündigung kaiserlicher Botschaften erwünschte lange Nachhall, störte beim Musizieren ganz erheblich den Eindruck von Transparenz und Struktur. Dabei gingen die rechts aufgestellten Kinderstimmen im Mittelfeld völlig unter. Ohne Frage verdient Bambauers Mut, die mörderische, selbst von professionellen Chören selten aufgeführte Komposition in Angriff zu nehmen, unbedingt Respekt. Gleichwohl blieb die Aufführung mit ihrem Aufgebot an Sängern eher ein gewaltiges Raumerlebnis und ein Genuss für die Augen als einer für die Ohren.
Die donnernden Klangmassen und expressiven Ausbrüche erschlugen sämtliche lyrische Partien. Die himmlische Klarheit der Sopranhöhen verendete als schriller Schrei. Kaum zu vernehmen war Wolfram Wittekinds geschmeidige, warme Tenorstimme. Das abschließende dunkle "Judex crederis", bei dem die Pauken die Stunde zum Weltgericht schlagen, geriet als Endzeitszenario jedoch wirklich überzeugend.
Mosel Musikfestival


Das Philharmonische Orchester war den Sängern ein präsenter Begleiter, so wie Iveta Apkalna an der Orgel. Dort hatte die Lettin bereits vorher brilliert. Mit Alexandre Guilmants spätromantischer Symphonie D-Moll op. 42 hatte die geniale Organistin, die schon vor Jahren beim Festival zu Gast war, den Abend eröffnet. Den Trierer Philharmonikern mit ihren feinnervigen Streichern war die hochangesehene Künstlerin eine wunderbare Dialogpartnerin. Unter Bambauers Dirigat machten die Musiker die ganze Dynamik, Farbenfülle und Struktur der Symphonie hörbar.
Als Poetin von hohen Graden erwies sich Apkalna im zweiten Satz der herrlichen "Pastorale". Sogar jene Tropfen Parfüm, die Guilmants Musik auch enthält, trug sie passend auf. Keine Frage: ein gigantischer Raumklang und ein Ende, das schon den neuen Anfang unüberhörbar in sich trug.