Geweint, gelacht, geschunkelt

Geweint, gelacht, geschunkelt

Babyblau und bonbonrosa - bunt und opulent sind die Konzerte von André Rieu. Die Grenzen zwischen Kunst, Kitsch und Klamauk sind dabei fließend. 4000 Besucher haben am Samstag den Auftritt des niederländischen Orchesterchefs in der Trierer Arena erlebt.

Wenn André Rieu mit seinem Johann-Strauß-Orchester aufspielt, dann ist vieles anders als bei einem herkömmlichen klassischen Konzert. "Wir brauchen einen Schmied", befindet der Geiger und Orchesterleiter - schließlich steht gleich die Amboss-Polka auf dem Programm. Bassist Roland Lafosse übernimmt die Rolle - und weil er mit Fliege und in seinem blütenweißen Hemd nicht gerade authentisch aussieht, zieht er es kurzerhand aus, um im schwarzen Muskelshirt zum Hammer zu greifen. Doch damit nicht genug: Hornist Noël Perdaens gesellt sich dazu, und beide machen aus dem Stück eine Slapstick-Nummer, bei der das Horn nur knapp dem Hammer entgeht und schließlich unter dem langen Kleid der Bratschistin ein sicheres Versteck findet.

Bierernst geht es selten auf der Bühne zu - weinselig dafür umso mehr. Nicht nur beim Chianti-Lied wird nahezu hemmungslos getrunken. Auf der Videoleinwand werden alle Details in Großaufnahme gezeigt: Manoe Konings (Klarinette) leert ein ganzes Glas in einem Zug, die Blechbläser reichen während ihrer Pausen bei den Patineurs von Émile Waldteufel eine Flasche Kräuterlikör durch die Reihen. Nicht einmal die Zuschauer bleiben verschont: Wer nach der Pause zu spät kommt, flimmert ebenfalls über die Mattscheibe, mit Brezel und Weinglas in der Hand.

Fast lenkt so viel Klamauk schon von der Konzentration auf die Musik ab - und von der Tatsache, dass alle Ausführenden - Orchester, Chor und die "Platin-Tenöre" - natürlich vor allem erstklassige Interpreten sind. Aber es sind gerade diese Showeffekte, mit denen André Rieu so populär geworden ist. Überflüssig zu erwähnen, dass - obwohl der Niederländer schon zum zwölften Mal in Trier gastiert - die Arena mit 4000 Besuchern restlos ausverkauft ist. Obwohl: Trierer Arena? Rieu kommen ein wenig die Zweifel. Auf seine Frage, wer denn wirklich aus Trier komme, heben sich nur wenige Hände. Mit Hunderten hochgestreckter Arme geben sich dagegen die Luxemburger zu erkennen.

Doch ganz gleich woher, das Publikum hat seinen Spaß: "Wir haben geweint, gelacht und geschunkelt", sagt Christa Walsch aus dem Nachbarland. "Die Show gehört eben mit dazu", findet Heinz Schmitt aus Bettingen, der die Karte zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Wie er ist auch Elena Tonner aus Saarburg begeistert "von der Atmosphäre und, wie er sein Publikum mitnimmt". Das ist auch der Grund, weshalb Ulrike und Ingrid Agte aus Trier schon zum wiederholten Mal beim Konzert sind - sie bringen es auf die Formel "live ist eben live."

Es ist ein wahrhaft bunter Abend - nicht nur wegen des musikalischen Programms von Walzern bis Musical, sondern auch im wörtlichen Sinn: Von Kleidern in babyblau und bonbonrosa bis zu goldglänzenden Notenständern und dem strahlend gelben Schloss Schönbrunn als Panoramabild reicht die Palette. Mancher mag es kitschig finden - in sich stimmig ist es allemal. An das Halleluja aus Georg Friedrich Händels Messias-Oratorium, das als letztes Stück des Abends angekündigt wurde, schließt sich noch eine lange Reihe von Zugaben an. Gut eine halbe Stunde dauert es noch, bis die Besucher mit dem Wiegenlied von Brahms in die kalte Trierer Nacht entlassen werden.

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