| 19:24 Uhr

Konzerte
Das zweite Leben der großen Hits

Giora Feidmann und das russische Rastrelli-Cello-Quartett interpretieren Beatles-Songs auf ihre eigene Weise. An der Harfe spielt Feidmanns Enkelin.
Giora Feidmann und das russische Rastrelli-Cello-Quartett interpretieren Beatles-Songs auf ihre eigene Weise. An der Harfe spielt Feidmanns Enkelin. FOTO: Martin Möller / TV
Trier. Giora Feidmann und das Rastrelli-Quartett spielen Hits der  Beatles.

Ein Nostalgieprogramm? Eine technisch aufpolierte Präsentation alter Hits? Ein modisches Arrangement ehemaliger Ohrwürmer? Nichts davon! Was Giora Feidman und das russische Rastrelli-Celloquartett in Trier-St. Maximin einem erst staunenden und am Ende hingerissenen Publikum vorführten, war ganz anders: Die Musik der Beatles, kreativ neu arrangiert und bestechend souverän realisiert.

Feidman und seine Mitstreiter hätten es sich leicht machen können. Ein paar Beatles-Songs, elektronisch auffrisiert und mit Seitenblick auf das Nostalgie-Potenzial ausgestattet, das hätte vielleicht noch mehr Besucher angezogen als die gut 400 in der ehemaligen Abteikirche. Doch sie nahmen ihr Vorhaben ganz ernst. Die Musik des Liverpooler Quartetts auf Klarinette, Bassklarinette und vier Celli zu übertragen, auf Gesang und damit Text zu verzichten und das Schlagzeug herauszuhalten, das ist künstlerisch riskant. Aber sie gehen das Risiko ein. Sie machen die Jugendmusik von damals zu subtiler Klangkunst der Gegenwart.

Schon der Einstieg mit „Yesterday“ lässt für einen Moment den Atem anhalten. Statt die eher profillose Streichquartett-Fassung im Original zu übernehmen, setzt Feidman mit der Klarinette Einzeltöne in den gewaltigen Raum von St. Maximin, lässt sie verklingen und übergibt dann an das Celloquartett mit dessen exzellenter Spielkultur. Kira Kraftzoff, Sergio Drabkin, Mikhail Degtjareff, Kirill Timfeev brillieren auf ihren Instrumenten – technisch souverän und musikalisch außerordentlich sensibel. Da kommen Kultur und Klangfülle zusammen. Und Drabkin, der vierte Cellist ersetzt das Schlagzeug mit einem perfekten, punktgenauen Pizzikato und lässt damit den Gesamtklang federn und ausschwingen.

Und dann immer wieder: Feidman. Der sagt Freundliches über Deutsche und Juden, streut Witze ein, findet den Kontakt zum Publikum. Und gibt Klarinette und Bassklarinette allen Farbenreichtum, alle Brillanz und alle – ja: Menschlichkeit mit, die ihn berühmt gemacht haben. Auch eine Klezmer-Einlage („das muss sein“) und der Auftritt des „Jerusalem Duos“ mit Feidmans Enkelin Hilla Ofek an der Harfe erweisen sich dabei nicht als Fremdkörper, sondern als bereichernde Ergänzungen.

Vorher schon hatten Feidman und die Rastrellis Stil und Stimmung des Konzerts definiert. Es waren frühe Erfolgsstücke der Beatles dabei wie „All my Lovin“ oder „A hard Day’s Night“, aber auch spätere wie „Michelle“ oder „Norwegian Wood“. Aber ganz gleich, welche Kompositionen es sind und aus welcher Periode sie stammen, immer wieder erstaunt ihre neue Klanggestalt. Die unterscheidet sich deutlich vom Original. Es sind nicht nur zeitgerechte Bearbeitungen alter Hits. Feidman und die Seinen geben Stücken die ursprünglich einfach und kantig auftraten, eine Fülle feiner Nuancen. Sie hauchen dieser Musik eine neue Existenz ein – ein zweites Leben. Und es zeigte sich: Gerade in den Neufassungen sind die Kompositionen der Vier aus den 1960er und 1970er Jahren so einfallsreich und aufregend wie damals.

Das Publikum reagierte zunächst freundlich-verhalten. Aber die Fünf auf der Bühne, allen voran Giora Feidman nahmen die Besucher Schritt für Schritt mit in ihre neue Klangwelt. Und als Feidman am Ende bei „Obladi-Oplada“ alle mit großer Geste zum Mitmachen aufforderte, da sprangen sie von den Sitzen und sangen mit – lauthals und hellauf begeistert.