| 18:44 Uhr

Kultur
Edle Klänge aus dem Untergrund

Komponist Wolfgang Grandjean.
Komponist Wolfgang Grandjean.
Ralingen/Minden/Oberbillig. Gipsbergwerk, Scheune und Galerie: Drei neue Foren für anspruchsvolle Musik

Ein Bergwerk, eine Scheune und eine Galerie – unkonventioneller könnten die Schauplätze der anstehenden Konzertreihe kaum mehr sein. Die Trierer Gesellschaft für aktuelle Klangkunst veranstaltet diese Konzerte an drei entlegenen Standorten, immer mit dem Odyssey Ensemble und der Sopranistin Susanne Ekberg.

Sie treten auf  im Gipsbergwerk Engel in Ralingen (3. August, 19.30 Uhr), in der Scheune Minden (4. August, 19.30 Uhr) und zum Abschluss im Contemporaneum Oberbillig (5. August, 16 Uhr). Das Programm konzentriert sich auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts – mit einem Ausflug zu Mendelssohn. Feste Größen sind ein Spätwerk von Dimitri Schostakowitsch (sechs Gedichte von Marina Zwetajewa aus dem Jahr 1973) und das Streichquartett Nr. 2 von Philip Glass.  Die übrigen Programme variieren je nach Standort. Im Gipsbergwerk steht noch  Benjamin Brittens Quartett Nr. 2 auf dem Programm, in der Scheune Minden stattdessen das Quartett op. 44,1 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Und mit dem II. Streichquartett von Wolfgang Grandjean im Contemporaneum Oberbillig ist auch ein Komponist aus der Trierer Region präsent. TV-Mitarbeiter Martin Möller sprach mit Wolfgang Grandjean über sein Streichquartett.

Herr Professor Grandjean, Sie sind Musiker und Musikwissenschaftler, Sie sind Pianist und Kammermusiker. Und Sie sind Komponist. Was hat Sie zum Komponieren gebracht?

Grandjean: Ja, das war so, wie oft bei jungen Leuten: Es geht einem etwas im Kopf herum und man ist stolz, es aufschreiben zu können. Ich war im Trierer Domchor und habe sehr früh Noten gelernt. Und da mir auch weiterhin immer etwas im Kopf herumging, habe ich später bei Heinrich Konietzny an der Musikhochschule Saarbrücken Komposition studiert.

Sie haben auch bei Karlheinz Stockhausen studiert. Der gilt unter konservativen Musikfreunden als musikalischer Bürgerschreck. Aber so haben Sie ihn ganz sicher nicht erlebt …

Grandjean: … also, ich habe ihn als umgänglichen „kölschen“ Menschen erlebt. Aber auch als einen, bei dem alles, das ganze Leben, Musik war. Das war sehr beeindruckend und ich habe viel von ihm gelernt.

Können Sie auf eine Formel bringen, was Sie von ihm gelernt haben?

Grandjean: Sein musikalisches Denken (in „Parametern“ der Musik) hat auf mich abgefärbt und ich habe seine Kompositionstechniken studiert, wie zum Beispiel sein Komponieren mit „Formeln“. Mein I. Streichquartett ist in dieser Technik geschrieben. In ihrer „Sprache“ hat meine Musik jedoch mit Stockhausen wenig zu tun.

Kommen wir zu Ihrem II. Streichquartett, das am 5. August in Oberbillig aufgeführt wird. Sie haben es einmal als Klangfarbenkomposition bezeichnet. Dabei denkt  man an Ravel und Debussy, oder auch an Arnold  Schönbergs Orchesterstück „Farben“. Was hat Ihr Quartett damit zu tun?

Grandjean: Also, zumindest vordergründig nicht so viel. Mein Streichquartett orientiert sich eher an György Ligeti der 60er Jahre, in dessen Musik das Motiv bedeutungslos und die Klangfarbe eine zentrale Dimension wird. Oder auch an Bernd Alois Zimmermann.

… Zimmermann hat oft mit musikalischen Zitaten gearbeitet …

Grandjean: … auch in meinem Quartett spielen Zitate eine Rolle, aber sie sind eher versteckt, „aufgegangen“ im Ganzen, also eher Allusionen.

Der Titel „Requiem für Scarpia“ im ersten Satz – was können wir darunter verstehen?

Grandjean: In Puccinis Oper Tosca gibt es die beeindruckende Szene vom Tod des Scarpia. Ich hatte diese Musik im Kopf ohne zunächst zu wissen, woher sie kommt. Erst später ist mir aufgefallen: Ja, das ist doch Puccinis Tosca.

Was macht Ihr Stück zum Requiem?

Grandjean: Es ist ein Requiem für ein Scheusal, in Form eines Lamentos – was das bedeutet, darüber müsste man noch einmal nachdenken … Das letzte der drei Stücke meines II. Streichquartetts hat noch stärker den Charakter eines Lamentos – es ist eine echte Trauermusik.

Das führt uns fast zwangsläufig zu der Frage: Was hat Ihr Quartett noch zu tun mit der großen Tradition von Haydn bis Wolfgang Rihm?

Grandjean: Wohl weniger als bei Rihm, mit dem ich gemeinsam bei Stockhausen studiert habe. Eigentlich steht nur der Mittelsatz, ein Scherzo, in der Streichquartetttradition. Die anderen Sätze sind janusköpfig und besitzen einerseits einen (romantischen) Adagio-Charakter, andererseits sind sie geprägt durch nervöse, zerfaserte Strukturen.

Vor einigen Jahren hat der Chorleiter Clytus Gottwald im TV erklärt, der Kreis der Neuen Musik sei ausgeschritten. Wieviel Zukunft hat Neue Musik noch?

Grandjean: Die klassische Avantgarde der 1950er bis1970er Jahr hat sich überlebt, aber aus ihr entstanden immer wieder neue Entwicklungen. Wir sind noch lange nicht am Ende und das kompositorische Denken wird auch zu keinem kommen!

Freitag, 3. August, 19.30 Uhr, Gipsbergwerk Engel in Ralingen, Zur Gipsgrube 1: Werke von Schostakowitsch, Glass und Britten.

Samstag, 4. August, 19.30 Uhr, Scheune in Minden, Echternacher Straße 1a: Werke von Schostakowitsch, Glass und Mendelssohn

Sonntag, 5. August, 16 Uhr, Contemporaneum, Lerchenweg 26 in Oberbillig: Werke von Schostakowitsch, Glass und Wolfgang Grandjean

Die Ausführenden: Odysse Ensemble – Shanna Douglas und Winona Field, Violinen, Michelle Bruil, Viola, Roberto Sorrentino, Cello, Susanne Ekberg, Sopran, Karten: 06501/12297 oder 06585/1363, www.klangkunst-trier.de

Zu hören sind die Konzerte an ungewöhnlichen Orten, darunter eine umgebaute Scheune in Minden und ein Gipsstollen.
Zu hören sind die Konzerte an ungewöhnlichen Orten, darunter eine umgebaute Scheune in Minden und ein Gipsstollen.