Verein in Trier Gladiatoren: Stars der Antike - und auch heute noch aktiv (Podcast/Fotos)

Trier · Professionelle Kämpfer unterhielten vor 2000 Jahren ihr Publikum mit einer Show, die auch tödlich enden konnte. Das erzählen Experten in einer neuen Episode des History-Podcasts von volksfreund.de - und wie sie die antike Kampfkunst in unserer Zeit weiterpflegen. Zu Besuch in der Trierer Gladiatorenschule im Amphitheater.

Gladiatorenschule Trier: Training
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Geschichte: Training der Gladiatorenschule Trier

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Foto: TV/mc/Miguel Castro

Jeanettes Gegner wechseln im Akkordtempo: Jeweils 30 Sekunden lang wehrt die junge Frau die Attacken ihrer zumeist männlichen Kontrahenten mit einem Schild ab, in ihrer anderen Hand trägt sie selbst ein Holzschwert. Es ist ein bisschen wie beim olympischen Sportfechten - nur dass es hier dumpf kracht, wenn Schwert auf Schild trifft. Und statt in einer Halle scharren die Füße über den sandigen Boden des Trierer Amphitheaters. Vielleicht war das auch so vor fast 2000 Jahren, als hier in der Arena des antiken Triers Gladiatoren aufliefen, von den bis zu 18.000 Zuschauern begeistert gefeiert wurden und anschließend gegeneinander kämpften - in manchen Fällen wohl mit tödlichem Ausgang.

Das hat Jeanette an diesem Samstagnachmittag zwar nicht zu befürchten: Die Touristin ist aus Baden-Württemberg mit Ehemann und einem befreundeten Paar extra an die Mosel gereist, um Gladiator(in) für einen Tag zu sein - ein Angebot der Trierer Gladiatorenschule. Aber sie trägt wie ihre Mitstreiter nicht nur Schild und Beinschienen, sondern auch einen schweren Helm. Der kann bis zu sechs Kilo wiegen. Und später, nach dem letzten Duell dieses Ausbildungstages, sind bei Jeanettes Ehemann Benjamin ein paar Schrammen am Knie und einer Hand zu sehen, Folgen der Konfrontation. Die Augen leuchten. „Anders als sonst“ sei es gewesen, sagen die Gäste aus dem Süden Deutschlands. Und das es interessant sei. Ob man nicht auch mitkämpfen wolle, wird der Reporter gleich zu Anfang gefragt? Aber der macht lieber Videos und Fotos (die es auf volksfreund.de zu sehen gibt).

Besucher des antiken Areals schauen derweil neugierig herüber, nehmen die ausgestellten Speere, Schilder und Schwerter in Augenschein. Einen ganzen Nachmittag lang wird hier geübt und gekämpft - unter der Aufsicht von Schiedsrichter und Ausbilder Uli Wagner. Für den Vereinsvorsitzenden der Trierer Schule ist die Gladiatur, der Kampf der Gladiatoren, „die interessanteste und größte Herausforderung, die ich in meiner Kampfsportkarriere erfahren durfte“. Er hat nicht nur die Ein-Tages-Gladiatoren zu Gast sondern auch Mike Trebs aus Baumholder. Der 31-Jährige ist an diesem Tag zum ersten Mal dabei und überlegt, beim Verein einzusteigen. Kampfsportarten sind auch ihm nicht unbekannt. „Es ist cool, in so einer Arena zu stehen“, sagt Trebs.

Tatsächlich dürfte die 2700 Quadratmeter große Trierer Arena einstmals den antiken Kämpfern und ihren Zuschauern eine grandiose Bühne geboten haben. Gladiatoren waren im Römischen Imperium Teil eines spektakulären Unterhaltungsprogramms - die Kämpfe Mann gegen Mann waren zu jenen Zeiten Höhepunkte eines solchen „Munus“. In der Trierer Arena nähert sich ein kleiner Spitz der Gladiatorengruppe. „Wir haben euch einen Löwen mitgebracht“, scherzt der Besitzer des neugierigen Hundes, „gestern hat er zwei gefressen“. In solchen öffentlichen Spielen der Antike wurden tatsächlich Tiere aufeinander gehetzt, aber auch verurteilte Straftäter - mit geringer Aussicht, davonzukommen.

Doch das vermeintliche von Kinofilmen geprägte Bild des wilden Hau-Drauf-Gemetzels stimme nicht, sagt Florian Tanz. Der Trierer Archäologe ist Mitglied der Trierer Gladiatorenschule. Bei den antiken Kämpfen war festgelegt, welche Gladiatorgruppen gegeneinander antraten (siehe Info). Und gegen Tiere kämpften diese Profis nicht, erklärt Tanz, dafür gab es eigene ausgebildete Kämpfer.

Gladiatoren waren für ihre Besitzer wertvoll. Sie kämpften in einer Saison zwar so oft als möglich, aber die Duelle endeten meist nicht tödlich, hebt Tanz hervor. „Zum Beispiel wurden stumpfe Schwerter oder auch Holzschwerter benutzt. Tödliche Kämpfe waren sehr teuer, teilweise wurde auch extra Werbung für Kämpfe mit scharfen Waffen gemacht.“

„Gladiatoren waren Hochklasseathlethen“, sagt Wagner, „wir müssen das vergleichen mit einem heutigen Lionel Messi“. Zwei Jahre lang wurden die antiken Kämpfer ausgebildet und komplett versorgt. Ein „Investment“ war das, beschreibt Wagner das damalige Geschäft. Nur ein Teil der Duelle nahm den Tod eines Kämpfers in Kauf, sieben von acht Gladiatoren überlebten die jeweiligen Spiele. Einer Grabinschrift zufolge soll ein syrischer Gladiator namens Flamma etwa 34 Siege davongetragen haben, aber auch mehrmals seinen Kampf verloren haben - trotzdem durfte er weiterleben. Flamma lehnte demnach sogar in vier Fällen die ihm angebotene Freiheit ab.

Organisiert wurden die Spiele durch vermögende Römer - bis hin zum Kaiser selbst. Die Ursprünge sind laut Tanz wahrscheinlich in vorrömischer Zeit zu finden: Auf Malerien in etruskischen Gräbern und süditalienischen Regionen seien Männer abgebildet, die zu Ehren eines Verstorbenen Zweikämpfe ausübten. Daraus haben sich allmählich die öffentlichen Gladiatorenkämpfe herausgebildet. Ihr Ende fanden die Duelle im fünften Jahrhundert nach Christus - zeitgleich mit dem so bezeichneten Untergang des Rom-Imperiums.

In der Arena waren Gladiatoren die Stars - in der römischen Gesellschaft aber standen sie an unterer Stelle und gehörten den Besitzern der Gladiatorenschulen. Dabei waren dort nicht nur Kriegsgefangene oder Sklaven vertreten - wie einst der berühmte Spartacus, der einen Aufstand anzettelte und verlor. Auch freie Bürger begaben sich in die Abhängigkeit eines Ludus - denn das Leben vor 2000 Jahren war hart, wie Wagner betont. Die medizinische Versorgung, die kontinuierliche Bereitstellung von Lebensmitteln „und dafür im Gegenzug das Risiko, bei drei Terminen im Jahr eventuell sterben zu müssen“, erklärt Wagner, könnte damals so manchen Römer zum Eintritt in die Kasernen, in denen die Gladiatoren lebten, bewegt haben. Nicht zu vergessen die Aussicht auf Ruhm und auch Sex: „Wir haben viele Hinweise aus Quellen, dass reiche adlige Damen sich einen Gladiator kommen ließen oder Geld bezahlten, um sich abends in den Zellen einschließen zu lassen“, erzählt Tanz.

Wer heute in die Rolle eines Gladiatoren schlüpfen will, muss nicht in die Vergangenheit reisen - aber ebenso hart trainieren wie seine Vorgänger. Vollkontaktsport mit Reenactment ist das, gemeint ist die möglichst authentische Inszenierung vergangener Epochen. Da kann es auch schon mal weh tun, die Erfahrenen unter den Gladiatoren der Moderne verwenden auch Stahlwaffen - aber die Speerspitzen sind abgeplättet. „Waffen und Ausrüstung werden von den Trainern geprüft“, sagt Wagner. Die Ausrüstung selbst muss erworben werden (Anfänger bekommen sie während eines Trainings gestellt) und kann bis zu 3000 Euro kosten.

Wer dann bereit ist, kann bei den modernen Duellen, wie sie die Schule regelmäßig bei öffentlichen Veranstaltungen vorträgt, mitmachen. Allerdings seien das keine Showkämpfe, betont Gladiatorenchef Wagner. „Da will man nicht verlieren. die Kämpfe sind nicht choreografiert.“ Zu bestaunen war das beispielsweise im vergangenen Jahr beim Römerfest in den Trierer Kaiserthermen. Dort stellten sich die Mitglieder des Vereins in mehreren Runden vor - darunter auch Frauen. Und tatsächlich wird es auch im alten Rom Gladiatorinnen in der Arena gegeben haben. Zumindest stellt das ein Relief dar, welches in England gefunden wurde. „Es ist aber davon auszugehen, dass weibliche Gladiatoren nie gegen männliche Kontrahenten antraten“, vermutet Ausbilder Wagner. Es wäre wohl ein Schock gewesen, wenn eine Frau einen Mann in einem Kampf besiegt hätte. Anders heute: Beim Training unterliege er auch mal Frauen.

Gladiatur in der Region: Zu hören im Geschichts-Podcast „Porta“

Das Mosaik der Villa Nennig

Das Mosaik der Villa Nennig

Foto: TV/TOM GUNDELWEIN
 Der Gladiatorenbecher aus dem Vicus Belginum

Der Gladiatorenbecher aus dem Vicus Belginum

Foto: Rheinisches Landesmuseum Trier/Thomas Zuehmer

Mehr Details zu Gladiatoren damals und heute hören Sie im neuen History-Podcast von volksfreund.de - mit Florian Tanz und Uli Wagner an den Mikrofonen. Darin gehen die Experten auch auf Funde in der Region Trier ein, die im Zusammenhang mit den Gladiatorenkämpfen stehen. Zum einen ist es der Mosaikboden der römischen Villa Nennig an der Obermosel, welcher detailreich die damalige Ausstattung von Gladiatoren darstellt. Und dann ist da noch der sogenannte „Gladiatorenbecher“, der Szenen dieser Kämpfe beinhaltet und bei Ausgrabungen im Hunsrück entdeckt wurde: Er ist im Archäologiepark Belginum bei Morbach zu bestaunen.

Sie können das Gespräch mit den beiden Experten hier auf unserer Homepage oder auf bekannten Podcast-Plattformen abrufen.

Die Podcast-Macher Miguel Castro und Alexander Wittlings beleuchten in ihren Gesprächen mit eingeladenen Experten Persönlichkeiten und Ereignisse aus unserer Region - zum Beispiel zu Römern in Bitburg und Trier, selbstbewussten Frauen im Mittelalter, Revolutionen und Vertreibung in der Moderne. „Porta - Das Tor zur Geschichte“ erscheint alle zwei Wochen und ist auch auf Spotify und Apple zu finden. Alle bisherigen Episoden finden Sie hier auf einen Blick. Kontakt: podcast@volksfreund.de

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