Glauben in glaubensarmer Zeit

Glauben in glaubensarmer Zeit

Wie sich die Sänger von Bachs Johannespassion im Dom vorbereiten

Trier "Ich habe mir ganz bewusst Zeit genommen für die Hintergründe dieser Musik", sagt Thomas Kiefer. Bei den Proben mit Domchor und Kathedraljugendchor Trier hat der Domkapellmeister von Beginn an die religiösen Ideen in Bachs Musik berücksichtigt. Schon vor der Aufführung am Sonntag (9. April, 18 Uhr) steht fest: Es werden im Trierer Dom ganz sicher nicht nur Töne gesungen, sondern Glaubensinhalte vermittelt. "Spiritualität", lautet, etwas sperrig, das Schlüsselwort. Der Duden übersetzt es mit "Geistigkeit, inneres Leben, geistiges Wesen". Darum gehe es in diesem Werk. "Wir wollen es so aufführen, dass es die Menschen mitreißt", sagt Kiefer.
Mittlerweile sind die Gäste aus Wien eingetroffen. 15 angehende Chorleiterinnen und Chorleiter aus sieben Nationen werden den Aufführungsapparat verstärken. Und im Gespräch mit den jungen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen kommt zur Sprache, was wohl viele bewegt: Was ist diese Johannespassion für ein Werk - Gottesdienstmusik, Oratorium, eine Art Oper, ein Musikdrama? Ist sie musikalische Verkündigung oder, ganz einfach und neutral, ein gewaltiges Stück Musik - wie die "Neunte" oder der "Parsifal"? Und weiter noch: Wie geht man in einer glaubensfernen Zeit mit Musik um, die Glauben in den Mittelpunkt stellt?
Für Ivan, den katholischen Priester aus Zagreb, hat Bach in dieser Passion den Glauben zur Musik gemacht. Da gebe es etwas Unbedingtes. Und er zitiert Bachs Kantate "Herz und Mund und Tat und Leben". Grace, die Theologiestudentin aus Südkorea, nimmt in der Johannespassion vor allem die christliche Theologie wahr. Und Xenia aus Stuttgart beeindruckt vor allem die Gewalt der Volks-chöre in diesem Werk.
Die Gesprächspartner sind sich oft sehr nahe - in musikalischen und in religiösen Dingen. Trotzdem bleiben Unterschiede. Lässt sich das Werk auch ohne theologischen Hintergrund verstehen? Da gehen die Positionen auseinander. Ohne Theologie fehle etwas, sagt Teresa aus Wien. Xenia meint dagegen, es gebe sehr viel reine Menschlichkeit in dieser Musik, und die sei auch ohne Theologie erfahrbar. Für Eivind aus Norwegen bleibt diese Musik auch ohne religiöse Symbolik verständlich, man müsse sie nur mit "offenem Herzen" wahrnehmen.
Eines freilich verbindet die Positionen: die Überzeugung, dass die Spiritualität dieser Musik auch von denen erfahren werden kann, die von Christentum und Bibel keine Ahnung haben. Vielleicht nicht in ihrer ganzen Tiefe, aber zumindest in Ansätzen.
Dann beginnt die Chorprobe. Auf der Agenda steht der Einleitungschor "Herr unser Herrscher", der so unfassbar göttliche Gewalt beschwört. "Wenn je Bach'sche Musik uns die philosophische Tugend des Staunens lehren kann, dann in Sätzen wie diesem", schrieb dazu der Bach-Forscher Alfred Dürr.Extra: DAS KONZERT


Die Johannespassion von Johann Sebastian Bach erklingt am Sonntag, 9. April, 18 Uhr, im Trie-rer Dom. Mitwirkende sind der Trierer Domchor, Kathedraljugendchor Trier, Institutschor Kirchenmusik der Musik-Universität Wien, Barockorchester L'arpa festante und Solisten. Dirigent: Thomas Kiefer.