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Glieder wie Automaten, am Ende Einsamkeit

Glieder wie Automaten, am Ende Einsamkeit

Vorfreude war ohnehin angebracht. Und dann wurde es ein großer Abend: das Gastspiel des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken (SST) im Theater Trier. Zum Auftakt seiner neuen Kooperation mit der Company Susanne Linke dort führte das Ballett des SST Ohad Naharins berühmtes Tanzstück "Hora" auf.

Trier. Langsam erhellt sich der Bühnenraum. Auf einer Bank an der Wand sitzen aufgereiht wie eine Mannschaft in der Turnhalle elf Tänzerinnen und Tänzer in schwarzen Bodies (Kostüme Eri Nakamura).
Langsam erheben sie sich und nähern sich Schritt für Schritt der Rampe. Gleich werden sie wie ein Schattenriss ihrer selbst dort oben stehen, einen Arm hoch gereckt und die Hand wie zu einem Haken nach unten gekehrt.
Glieder einer Kette


So wie die einzelnen Glieder eine Kette, die darauf warten, wieder zusammengefügt zu werden. Wie ein Leitmotiv zieht das Bild durch das Stück. Was hier in der Tanzsprache des israelischen Choreographen Ohad Naharin verhandelt wird, ist schon nach den ersten Bildern klar. Es geht um die Befindlichkeit des Individuums und seine Bezüge zur Gruppe seiner Mitmenschen.
Der Chef der Batsheva Dance Company Tel Aviv ist ohne Frage einer der interessantesten Choreographen dieser Zeit. Sein Tanzstück "Hora" gehört zu den schönsten seiner Choreographien. Allein wegen der beredten Zeichensprache der Bewegungen , die manchmal wie getanzte Kalligraphie wirken. Vielleicht auch deshalb, weil die eigentliche Kraft des Stücks in der Ruhe liegt, die sich allerdings immer wieder in dramatischen Gruppenszenen ekstatisch entlädt. "Hora", der schillernde Name bezeichnet gleichermaßen einen nach Israel exportierten rumänischen Tanz, wie er das lateinische und spanische Wort für Stunde ist. Solange dauert auch das Stück. Allerdings kann man, ohne allzu tief zu tauchen, Naharins Stundentanz auch für die Stunde des Menschen, soll heißen, das Leben nehmen. Mit den vorzüglichen Tänzern der Saarbrücker Truppe, die weltweit als erste die Lizenz zur Einstudierung des 2009 uraufgeführten Stücks erhielt, hat Naharin vorzügliche Interpreten gefunden.

Kühler, grüner Raum


In einen kühlen hellgrünen Raum, der an die einsamen Nachtbilder des Amerikaners Edward Hopper erinnert, verwandelt die Lichtregie die kahle Bühne (Licht und Bühne Avi Yona Bueno). In der fast unwirklich anmutenden Atmosphäre bewegen sich die Tänzer mit einer ungeheuren Präzision, die dennoch voller Energie ist. Bisweilen fremd im eigenen Körper scheinen diese Gestalten zu sein, wenn sich ihre Glieder wie Automaten im Stakkato bewegen oder ihre Finger nervös wie vom Körper abgetrennt vibrieren.
Mit jeder kleinsten Bewegung, jedem winzigsten Teil ihres tänzerischen Vokabulars, jeder Gewichtsverlagerung scheinen sich diese Körper neu zu entdecken und zu erfinden. Immer wieder werden sie auf sich selbst zurückgeworfen. Kaum mehr als der Versuch einer Annäherung bleibt die Auseinandersetzung mit der Gruppe, die mal ein zartes, sehnsüchtiges Liebeswerben ist, und ein andermal zum aggressiven Boxkampf wird. Dann wieder ballen sich die Körper für einen Augenblick zur großen Menschen-Plastik zusammen. Wenn ein Teil von ihnen den Rest mit lauten Zurufen aus dem von Naharin entwickelten Bewegungsalphabet "Gaga" aufschreckt, dann klingt das wie ein Peitschenhieb, und Tumult ist angesagt.
Ein nachdenkliches Stück über den Menschen hat Naharin geschaffen, das tiefsinnig ist, ohne gedankenschwer daherzukommen. Dafür sorgt schon die wunderbare Dynamik dieser gekonnten Synthese aus klassischem Ballett und modernem Ausdruckstanz. Und nicht zuletzt hält Naharins feiner Humor die Tanzszenen leicht und in der Balance. Hervorragend orchestriert wird die Tanzsprache von der Tonsprache der Musik, die weitgehend Isao Tomita zusammengestellt hat und die von Debussys Klarheit über Richard Strauss und Richard Wagners Dramatik bis zur elektronischen Musik reicht.
Am Ende bleibt Einsamkeit. Wenn die Bühne wieder ins Dunkel taucht, ertönt Solveigs sehnsüchtiges Lied aus Edvard Griegs Oper "Peer Gynt". Ein großartiger Abend. Leider war der Saal nur halb voll. Dafür bejubelten die Anwesenden mit minutenlangem Applaus und Standing Ovations Tänzer und Tanzstück.