Gnadenlose Energie

Für Dirigent Dirk Kaftan, der in Wittlich aufwuchs, war es ein Wiedersehen mit dem Trierer Theater, in dem er ein Jahr Korrepetitor war. Für die Philharmoniker und rund 600 Besucher im 7. Sinfoniekonzert war es ein Konzerterlebnis, das in Erinnerung bleiben wird.

Trier. Es geschehen doch immer mal kleine Wunder - sogar im Trierer Theater. Da stellt sich ein schmächtiger junger Mann, Jahrgang 1971, aufs Dirigierpodium, und die musikalische Welt wird anders. Mit ausladend-heftiger und doch immer präziser Gestik motiviert er die Trierer Philharmoniker zu interpretatorischen Glanztaten. In Michail Glinkas Ouvertüre zu "Ruslan und Ludmilla" verfliegt der Lustspiel-Tonfall schon beim ersten Akkord, und es stellt sich eine Spannung ein, die man diesem Stück gar nicht zutraut. Nicht lässige Freundlichkeit dominiert, sondern eine gnadenlose Energie.
Das Blech spielt voll aus, die "Raketen" der Streicher wirbeln, und dass mal ein Holzbläser-Einwurf nicht ganz mitkommt, ist nicht mehr als ein kleiner Schönheitsfehler. Kaftan tanzt auf dem Podium, gibt da mal einen Einsatz und zeigt dort ein Piano an, schlägt mal entschieden den Takt herunter und fährt dann wieder das Dirigat auf kleinste Gesten zurück. Trotzdem behält er immer den Kontakt zum Orchester.
Es mag dann sein, dass Edouard Lalos Cellokonzert allzu jugendlich-stramm ablief. Dass in der trockenen Theater-Akustik die Orchester-Einwürfe zu hart und zu scharf gerieten. Dass Cellist Peter Bruns nicht genügend Raum hatte für eine unverspannte Interpretation und erst in der Bach-Zugabe ganz zu seinem wohlklingend-expressiven Stil fand. Aber Bruns hat ein Sensorium für Lalos lyrisch-pathetischen Stil entwickelt, für die weit ausholenden Gesten der Musik. Und die ebenso originellen wie heiklen Pizzicato-Episoden im Mittelsatz - Solist, Orchester und Dirigent gaben ihnen die Delikatesse mit, die sie verdienen.
Ein Musikdrama ohne Worte


Trotz allem: Lalo blieb in diesem Konzert Episode. Es galt, noch ein sinfonisches Schwergewicht zu stemmen. Das wurde zum unbestrittenen Höhepunkt im 7. Sinfoniekonzert. Machen wir niemandem etwas vor: Tschaikowskys Fünfte kann schrecklich klingen: schwammig-sentimental, brutal blechlastig, filmmusikalisch klischiert. Aber genau an den Klippen dieser Musik hält Kaftan zwei entscheidende Interpreten-Tugenden hoch: Transparenz und Intensität. Wenn die Streicher im Kopfsatz ihr Allegro-Thema anstimmen, dann bleiben die Figuren der Holzbläser hörbar. Das planvolle Kleinklein von Streichern und Holzbläsern im langsamen Satz behält Konturen. Und im dritten Satz zaubern die Musiker ein herrlich duftiges Klanggewebe.
Solche Transparenz indes bleibt nicht gläsern-unbeweglich. Der bei Tschaikowsky auswendig dirigierende Kaftan und die Philharmoniker strahlen eine Energie aus, die atemlos macht. Das düstere Motto, das so leicht zum Klischee missraten kann - hier zielt es nach vorne, statt sich in Gefühlsseligkeit auszuruhen. Das Orchester steigert sich in eine Klangfülle und Schlagkraft hinein und hat dazu Kraft für exzellente Soli - allen voran Hornistin Renate Wege im langsamen Satz. Nichts klingt beiläufig, zufällig und fragmentarisch. Bis ganz zum triumphalen E-Dur-Schluss zieht sich ein großangelegter Ausdrucksbogen. Unter Kaftans Händen entfaltet diese Sinfonie ihr eigenes Gesicht: Ein Musikdrama ohne Worte. Gerade durch seine Textlosigkeit eröffnet das Werk eine eindringliche, gänzlich unklischierte Gefühlswelt. mö