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Grand Théâtre Luxemburg zeigt Julien Greens "Süden", Regie Thierry Mousset

Theater : Ein redseliges Schweigespiel

Mit einer eindringlichen Eigeninszenierung ist das Luxemburger Grand Théâtre ins neue Jahr gestartet. Die Produktion von Julien Greens einst verbotenem Stück „Süden“ geht nach vier Aufführungen in Luxemburg auf Tournee.

Es ist ein deutliches Zeichen, das Tom Leick-Burns, mittlerweile schon im fünften Jahr der Intendant der Théâtres de la Ville de Luxembourg, an den Anfang des Jahres 2020 stellt: Unter der Regie des jungen Luxemburgers Thierry Mousset bringt er mit „Süden“ von Julien Green (1953) ein anspruchsvolles, selbst produziertes Stück  auf die Bühne des Grand Théâtre. Er zeigt damit, dass er Wert legt auf eine eigenständige künstlerische Entwicklung des Hauses, das sonst vor allem mit vielfach ausgezeichneten Stücken großer europäischer Theater glänzt.

Mit Mousset hat Leick-Burns sich einen der talentiertesten Theatermacher des Landes geholt. Der hat schon bei der sensationellen Inszenierung des monströsen Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace (1962-2008) unter der Regie von Thorsten Lensing die Dramaturgie verantwortet, und man spürt dies als positiven Einfluss.

Greens „Süden“, das „zum Schutz der öffentlichen Sittlichkeit“ in den 1950er Jahren in Luxemburg verboten war, wie es im Programmheft heißt, spielt in der Nacht vor dem Ausbruch der amerikanischen Sezessionskriege (1861-1865) auf einer fiktiven Baumwollplantage in den Südstaaten. Hier prallen die (aufgeklärteren) Welten des Nordens auf die (konservativen) Lebens-Entwürfe des Südens. Es erzählt von Melancholie, Prüderie und Puritanismus, spielt aber auch im Süden unserer Gefühle, im Bauch und darunter. Der Farmer Broderick (mit feiner Ironie und großer, teils übergriffiger Körperlichkeit: Cornelius Schwalm) und seine Familie (Catherine Janke herrlich überkandidelt als Tante Evelina) leben im Spannungsfeld zwischen Sklavenhalterei und Kirchgang. Der Besuch aus dem Norden, die 18-jährige Nichte Regina (Meike Droste spielte schon am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater und gibt die junge Frau herzzerreißend intensiv zwischen Leidenschaft und vermeintlicher Kontrolliertheit), will da nicht mitspielen und plant ihre Abreise, was auf den Widerstand der Kinder des Farmers stößt: Der 66-jährige Franzose Denis Jousselin spielt den 14-jährigen Jimmy gestenreich und überzeugend; großartig überzeichnend und virtuos agiert Anna Grisebach (die auch schon 2015 in Lensings „Kirschgarten“ von Tschechow am Grand Théâtre glänzte) als 16-jährige Angelina.

Mysteriöser Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist Andreas Lust als Nordstaaten-Offizier Ian Wizcewski, der auf der Plantage seinen Urlaub verbringt. Dazu stößt Erik MacClure (Luc Schiltz, der auch in einem Intermezzo als Pferd glänzt) ein junger Südstaatler wie aus dem Bilderbuch und ein Verehrer von Angelina. In der Ruhe vor dem Sturm des Krieges, der quasi unausweichlich vor der Tür steht, werden die Protagonisten auf ihre Ansichten und Gefühle zurückgeworfen, es gibt keinen expliziten Handlungsstrang, sie stecken in einem Zeit-Kontinuum, es fließt dahin, hält inne, drängt wieder vorwärts und kulminiert dann in einem drastischen Ende.

Ein bisschen ist das wie bei Tschechow, Julien Greens Stück ist jedoch moderner, das politische Spannungsfeld wird ausgelotet, auch die Sklaverei („Schwarze, die sind wie Möbel“, sagt Ian) ist ein Thema, das aber – wohl absichtlich – liegengelassen wird, die Inszenierung konzentriert sich auf die Figuren. Die großen Themen werden verhandelt, im Endeffekt geht es dann doch um die Liebe, mit Ian im Zentrum als Begehrter und Begehrender. Das spielt der österreichische Filmpreisträger und häufige Tatort-Bösewicht Andreas Lust ganz überragend, sehr naturalistisch, fast schon lakonisch, mit einer selbstbewussten Attitüde, die erst zum Schluss aufbricht. Interessant zu sehen, wie eklatant unterschiedlich die Spielstile der Akteure sind, wie das zusammenpasst in diesem Schauspielertheater.

Es wird viel geredet, viel beredter ist allerdings oft das Schweigen der Figuren. „Transparent“ sei die Inszenierung, sagt der Intendant, trotz kleinerer Durchhänger im zweiten Teil bleibt man dran. Die minimalistische Bühne (Marie-Luce Theiss) und die fantasievoll zusammengestellten Kostüme (Uli Simon) überzeugen ebenfalls, großer Beifall der Zuschauer im fast ausverkauften Studio.

Weitere Vorstellungen im Grand Théâtre sind am 23., 24. und 25. Januar, jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es über www.luxembourgticket.lu