Grandios besetztes Kammerspiel: "Blackbird" im Studio des Trierer Theaters

Theater-Rezension : Liebe – oder was? Warum „Blackbird“ ein großer Wurf ist

Manfred Langner inszeniert „Blackbird“ von David Harrower im Studio des Theaters Trier.

Ein verranzter Verschlag, irgendwas zwischen Lagerraum, Keller, Pausenbutze, Umkleide, Kantine mit Ekelfaktor. Massenhaft Müll in schwarzen Säcken, abgefressene Pizza-Boxen und Currywurstschalen auf dem Tisch und dem Boden, tomatenketchupverschmierte Servietten, die unterm Schuh klebenbleiben. Leere Plastikflaschen, Gerümpel in den Spinden. Kanister mit Reinigungsmitteln in Stahlregalen. Kaltes Neonlicht erhellt den Gruselplatz. Wer hier arbeitet, arbeiten muss, ist ganz unten angekommen, noch eine Etage tiefer als ein Staubsaugervertreter.

Peter arbeitet hier. Eigentlich heißt er Ray, und damit beginnt schon die Tragik seines Lebens. Ray hatte als Mittdreißiger eine Affäre mit einer Zwölfjährigen; das war vor etwa 30 Jahren – ein Skandal, längst im Dunkel der Vergangenheit versunken. Sollte man meinen. Doch die Vergangenheit stirbt bekanntlich nicht, auch wenn man den Namen ändert. Und sie wird auf qualvolle Weise quicklebendig, als das Kind, das Mädchen von einst unerwartet bei ihm auftaucht und ihn zur Rede stellt. Una ist eine vermeintlich taffe Frau geworden: schwarze Lederjacke, schwarzes Top, schwarze Strumpfhose. Nur der Rock mit den roten Flecken erinnert an jene erste blutige Nacht, derentwegen Una ihren Lover? Verführer? Vergewaltiger? nun zur Rede stellt.

Hausherr Manfred Langner hat „Blackbird“, das Zweipersonen-Stück des Schotten David Harrower, im Studio des Theaters als grausam-(selbst-)zerfleischendes Kammerspiel inszeniert – in bemerkenswerter, 90-minütiger pausenloser Verdichtung, wobei er seinen beiden Schauspielern viel an Emotionen und Körperlichkeit abverlangt, die diese mit bewunderungswürdiger Souveränität abliefern. Nicht zu vergessen die Konzentrationsfähigkeit, die ein Text erfordert, der zum Teil nur aus Halbsätzen, Ausrufen, Unterbrechungen, Einander-ins-Wort-Fallen, Stocken, Stottern und Stammeln besteht, wenn die Suche nach Worten, nach Rechtfertigung und Verteidigung ins Leere zu laufen droht. Volker Risch (als Gast) spielt seinen Ray als unauffälligen Biedermann, dessen einziges Ziel zu sein scheint, bloß nicht aufzufallen, bloß nicht anzuecken, bloß nicht aus der Deckung hervorzukommen, hinter der er seit 30 Jahren sein graues Leben führt. Nur sporadisch bricht sich bei ihm die Wut Bahn, die sich in all der Zeit aufgestaut hat – in ohnmächtigem Schreien, hilflosen Erklärungen, sogar körperlicher Gewalt, zu der ihn Una provoziert. Doch er ist weitgehend in die Defensive gedrängt; seine Argumente wirken lahm und erbärmlich, fast mitleiderregend. Ist dieser Mann tatsächlich das Monster, das Una aus der Vergangenheit heraufbeschwört? Risch macht ihn, aus jeder Perspektive betrachtet, glaubwürdig. Aber Vorsicht: Nichts ist, wie es scheint. Das wird in Marsha Zimmermanns differenzierter Darstellung nach und nach deutlich, wenn sie, eindrucksvoll, souverän und stark und ebenso schwach wie schutzlos (und schutzbedürftig) auf der Emotionsskala zwischen Kuschen und Keifen, Aggressivität und Annäherung, Nervosität (ihre Finger sind in ständiger, kribbelnder Bewegung) und Nachgiebigkeit spielt. Denn so einfach – hier der Verführer, dort die verführte Unschuld – ist die Sache nicht. Als Zwölfjährige war sich Una ihres Lolita-Faktors durchaus bewusst: Sie wollte sich mit diesem starken Mann, der er damals in ihren Augen war, zeigen, wollte sich in seinem Auto durch die Stadt kutschieren lassen. Und sie wollte auch mit ihm schlafen – ohne Rücksicht auf Verluste, als gäbe es kein Morgen, wie es immer so schön heißt, wenn man die Verantwortung vor der Schlafzimmertür lässt. Deshalb gewährt der Regisseur, der auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, der Romantik ebenfalls viel Raum, Erinnerungen ans Kennenlernen im Stadtpark, an Zärtlichkeiten und Fummeleien nachts hinterm Gebüsch. Eine Teenagerliebe eben – nur mit den unpassenden Altersstufen. In diesen Momenten hat der Zuschauer das Gefühl, ein altes Liebespaar, das sich nach Jahren wiedersieht, auf seinem Nostalgietrip zu begleiten. Doch romantisch ist hier natürlich nichts: Marsha Zimmermanns Glanz- und Höhepunkt ist ein rund viertelstündiger Monolog, in dem sie aus dem Dunkel der Vergangenheit – auch die Bühne wird hier ganz dunkel – ihre verkorkste Vita rekapituliert: ein Leben voller Therapiesitzungen und Versagensängsten, Vorwürfen und Selbstvorwürfen.

Am Ende wäre es, trotz allem, um ein Haar zu neuerlichem Sex zwischen dem unziemlichen Paar gekommen, denn der alte Funke lodert immer noch unter der Asche der Verbitterung und Lebenstraurigkeit, die Volker Risch und Marsha Zimmermann so anrührend zu vermitteln wissen. Doch dann spielt Harrower eine Trumpfkarte aus, die die Vergangenheit schlagartig in die Gegenwart katapultiert und Una wie in einem Flashback all den Horror von einst erneut durchleben und -leiden lässt. Wie genau das funktioniert, soll hier nicht verraten werden – nur so viel: Am Ende, als Peter/Ray abrupt den Schauplatz des Geschehens verlässt, läuft Una ihm nach – vielleicht genau wie damals, als sie zwölf war …

Betroffenes Schweigen im Publikum, das, quasi atemlos, in der immer stickiger werdenden Atmosphäre des Studios ausgeharrt hat, ehe lang anhaltender Beifall für alle Beteiligten aufbrandet.

Die nächsten Vorstellungen: 19., 20., 29. September; 5. Oktober, Karten: 0651 / 7181818

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