| 20:35 Uhr

Grenzenlos komisch

Paris. Mit "Willkommen bei den Sch\'tis" hat der französische Schauspieler Dany Boon 2008 einen Überraschungshit gelandet. Heute läuft sein neuer Film "Nichts zu verzollen" in den Kinos an. Es geht wieder um Vorurteile und Klischees.

Paris. Belgien ist das schönste Land der Welt und deshalb muss die Grenze zu Frankreich, das nur aus Vollidioten und Camemberts besteht, geschlossen bleiben: Aus seinen Vorurteilen macht der belgische Grenzbeamte gegenüber seinem französischen Kollegen Mathias Ducatel alias Dany Boon im Film "Nichts zu verzollen" keinen Hehl. Im Interview mit TV-Mitarbeiter Jan Seemann spricht der Schauspieler und Regisseur von seiner neuen Komödie, Rassismus und nackten Deutschen. Wie bei "Willkommen bei den Sch\'tis" handelt auch Ihr neuer Film von Vorurteilen. Haben Sie eigentlich ein Vorurteil über uns Deutsche? Dany Boon: Oh ja. Wenn Ihr Deutschen Urlaub in Frankreich macht, dann lauft ihr immer völlig nackt am Strand rum. So seid Ihr Deutschen. Mit "Nichts zu verzollen" erzählen Sie wieder eine Geschichte aus ihrer nordfranzösischen Heimat. Boon: Ja, mit "Nichts zu verzollen" wollte ich eine Geschichte über das Ende der europäischen Grenzen Anfang der 90er Jahre erzählen. Ich wollte von der Beziehung zwischen Franzosen und Belgiern erzählen. Ist diese Beziehung so schlecht? Boon: Normalerweise verstehen sich Belgier und Franzosen ganz gut. Trotzdem. Als ich Kind war gab es Momente, in denen ich auf Rassismus gestoßen bin. Auf der belgischen Seite der Grenze gab einige Cafés, an deren Eingang ein Schild hing: Eintritt verboten für Hunde und Franzosen. In Frankreich wiederum gibt es viele Belgier-Witze, wie ihr Deutschen Witze über die Österreicher macht. Die Belgier halten uns Franzosen für arrogant und prätentiös, was nicht ganz falsch ist. Die Belgier haben mehr Selbstironie als wir Franzosen. Und diese Erfahrungen mussten Sie ausgerechnet in eine Komödie verpacken? Boon: Ja, ich wollte einen Film machen, in dem man über Rassismus lachen kann. Bei den Belgiern und den Nordfranzosen ist dieser Rassismus ja besonders unsinnig, weil es ethnisch und religiös kaum Unterschiede zwischen ihnen gibt. Wir haben dieselbe Hautfarbe, sprechen dieselbe Sprache. Das zeigt die ganze Absurdität. Der Film ist eine Geschichte über Rassismus in Form einer Liebesgeschichte, die der meiner Eltern ähnelt. Inwiefern? Boon: Ich bin in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Mutter war Putzfrau und arbeitete in der Tankstelle ihrer Eltern, wo sie meinen Vater kennenlernte. Er war kabylischer Abstammung, kam aus einem kleinen Dorf im Norden Algeriens. Ihre Liebesgeschichte war sehr kompliziert. Ein Teil meiner mütterlichen Familie hat meinen Vater immer abgelehnt. Von solcher Ablehnung erzähle ich ja auch in "Nichts zu verzollen". Haben Sie eine These, woher Rassismus kommt? Boon: Ich glaube, Rassismus entsteht aus Angst. Eine Angst vor anderen. Diese Angst ist aber letztendlich eine Ignoranz sich selbst gegenüber. Wir sind doch alle irgendwo auf der Welt Ausländer. Und wie kann man hassen, was man selber ist? Das ist aber kein rein französisch-belgisches Problem. Immer mehr Regionen schotten sich ab und beziehen sich nur noch auf sich selbst. Sie haben selbst in Belgien gelebt. Boon: Ja, und ich habe es geliebt. Und die Belgier scheinen mich zu lieben, denn \'Nichts zu verzollen\' ist dort noch besser gelaufen als \'Willkommen bei den Sch\'tis\'. Mit Ihren Filmen haben Sie das Image Ihrer nordfranzösischen Heimatregion kräftig aufpoliert. Boon: Das stimmt. Wenn ich früher Leuten erzählt habe, woher ich komme, habe ich nur Mitleid geerntet. Das hat sich geändert. Ich habe den Eindruck, dass die Nordfranzosen sich seit den Sch\'tis aufgerufen fühlen, zu Fremden besonders nett zu sein, weil sie plötzlich ihrem positiven Image entsprechen wollen. Was lieben Sie an ihrer Heimat? Boon: Die Leute. Es gibt dort noch so etwas wie Gemeinsinn. Der Norden ist die einzige Region Frankreichs, die noch nie ihre Unabhängigkeit gefordert hat wie etwa Korsen, Bretonen oder Basken. Wir Nordfranzosen wollten immer Teil des ganzen Frankreichs sein.