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Großer Mann - was nun? Zum 70. Todestag von Hans Fallada erzählt der Trierer Bistumsspecher André Uzulis dessen Leben neu

Trier. Hans Fallada gehört zu den großen, den bleibenden Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er hat das Los der kleinen Leute in der Weimarer Republik, in der Nazi-zeit und bis nach dem Krieg anschaulich und voller Herz erlebbar gemacht. Kurz vor Falladas 70. Todestag am 5. Februar ist nun eine neue Biografie erschienen – verfasst von André Uzulis, dem Kommunikationsdirektor des Trierer Bistums. Anne Heucher

Das Schicksal von Otto und Anna Quangel hat seit 2009 Millionen Menschen bewegt. Weltweit. Das Berliner Ehepaar aus der Arbeiterschicht hat auf stille, einzigartige Weise gegen das Naziregime aufbegehrt, nachdem der Sohn an der Front gefallen war. Die beiden gestalteten Karten des Widerstands und verteilten sie in Hauseingängen - bis das Regime ihnen auf die Schliche kam. Hans Fallada hat diesen aufrechten kleinen Leuten, die in Wirklichkeit Otto und Elise Hampel hießen und 1943 von der Gestapo in Berlin hingerichtet wurden, mit dem Roman "Jeder stirbt für sich allein"ein Denkmal gesetzt.

Er schrieb das Buch 1946 innerhalb von vier Wochen, 866 Seiten. Nur vier Monate später, am 5. Februar 1947, war der Schriftsteller tot. Sein exzessives Leben war mit 53 Jahren aufgebraucht. Den Erfolg seines Spätwerks hat er nicht mehr erlebt. 60 Jahre später wird das Buch in Amerika ein Sensationserfolg. Von dort schwappt der Boom schließlich nach Deutschland zurück. Es wurde wie viele weitere Romane Falladas verfilmt.

Falladas Werke bestechen durch die "Echtheit der Dialoge, die Genauigkeit des Nahblicks, das lebendige Nachzeichnen von Lebenswelten", schreibt André Uzulis in seiner neu erschienenen Biografie . Den Kommunikationsdirektor des Trierer Bistums hat der Schriftsteller nicht mehr losgelassen, seit er vor 15 Jahren erstmals dessen Haus in Mecklenburg besuchte, in dem heute ein Museum untergebracht ist. Jahrelang ist der Historiker und Journalist Uzulis dem Leben des berühmten Autors nachgegangen, hat Zeitzeugen kontaktiert und im Archiv gestöbert.

Nun hat er sein detailreiches, lebendig erzähltes Buch fertiggestellt, zu dessen Vorzügen die Einordnung in die Zeitgeschichte zu Anfang des 20. Jahrhunderts sowie die kritische Bewertung der Werke gehört.

Den Freund erschossen

Bei einem Autor, dessen Nachlass 30.000 Seiten und 8000 Briefe umfasst, mag nicht alles literarisch hochwertig sein - mit Romanen wie "Kleiner Mann - was nun?" über ein junges Paar in der Weltwirtschaftskrise oder "Jeder stirbt für sich allein" ist Fallada zum Klassiker geworden, der die "kleinen Leute" in wirtschaftlich und politisch schweren Zeiten in den Blick nimmt. So wie Falladas Figuren in den 1920er bis -40er Jahren harten Schicksalen ausgesetzt waren, glich auch das Leben ihres Erfinders einer Achterbahnfahrt - zwischen Drogensucht, Alkoholismus, großen schriftstellerischen Erfolgen und Nervenzusammenbrüchen. Sein Pseudonym legte sich Rudolf Ditzen, der 1893 in Greifswald geboren wurde, mit 27 Jahren aus Rücksicht auf seinen Vater zu - einen hoch angesehenen Juristen, für den das unstete Leben des Sohnes eine Zumutung war. Das kränkliche Kind machte von Anfang an Probleme, wurde in der Schule gehänselt, verbrachte schon in jungen Jahren viel Zeit in Sanatorien.

Einen handfesten Skandal schuf Rudolf im Alter von 18 Jahren, als er bei einem als Duell getarnten Doppelselbstmord seinen besten Freund erschoss. Er selbst überlebte schwer verletzt. Das Drama am Uhufelsen - von Uzulis plastisch und fesselnd beschrieben und der Biografie vorangestellt - brachte Ditzen zum ersten (nicht aber zum letzten) Mal ins Gefängnis. Etwa zur selben Zeit nahm der junge Mann erstmals Morphium - der Beginn einer Sucht, die ihn trotz längerer Phasen der Abstinenz bis zum Schluss nicht mehr losließ.

Doch Ditzen berappelte sich. Er ließ sich zum Landwirt ausbilden, arbeitete auf diversen Gütern, wurde Anzeigenvertreter einer Lokalzeitung, dann Journalist. Ernst Rowohlt, mit dem er zeitlebens eng verbunden war, beschaffte ihm später eine Stelle in seinem Verlag. Ab 1920 schrieb Fallada Romane und stellte seine präzise Beobachtungsgabe und sein sagenhaftes Erzähltalent einem immer größeren Publikum unter Beweis. Seine Stoffe fand er im eigenen Leben, sie führen ins Milieu von Häftlingen, Gutsbediensteten, Bauern, Arbeitslosen und den Verlierern der Weltwirtschaftskrise.

Konnte nicht mit Geld umgehen

"Fallada ist ein extrem autobiografisch arbeitender Schriftsteller", schreibt Uzulis. Er verarbeitete in seinen Büchern vor allem selbst Erlebtes. Der Dichter Johannes R. Becher schrieb in seinem Nachruf auf Fallada: "Nichts Menschliches, nichts Unmenschliches ist ihm fremd geblieben."

Große Erfolge hatte Fallada mit "Bauern, Bonzen und Bomben", "Wolf unter Wölfen" sowie "Kleiner Mann - was nun?", dessen Stoff bis heute zum Repertoire vieler Bühnen gehört. Doch der Erfolg war für den Autor ambivalent: So sehr er immer wieder in finanziellen Nöten steckte, konnte er nicht mit Geld umgehen, wenn es reichlich floss - etwa durch die Filmrechte an seinen Stoffen. Falladas Leben war ein Auf und Ab, mit insgesamt 28 Aufenthalten in Krankenhäusern und Heilanstalten, vier Unterbringungen in der Psychiatrie, Alkohol- und Drogenkonsum, Beschaffungskriminalität und Affären. Dass er es nach 1933 nicht fertigbrachte zu emigrieren, sondern sich durch die Diktatur lavierte, hat ihm viel Kritik eingebracht.

Die neue Biografie liest sich wie ein Fallada-Roman. Uzulis erzählt anschaulich, nah am Leben des Schriftstellers, doch nicht distanzlos, wer Hans Fallada wirklich war. Er hinterfragt sein Handeln und seine Motive, vergleicht etwa seine Haltung zum Naziregime mit derjenigen anderer Schriftsteller. Eine Stärke dieser Biografie liegt in der zeitgeschichtlichen und literaturhistorischen Einordnung, bei der auch viele Randfiguren und -themen beleuchtet werden. Zeittafeln und ein umfangreiches Personenregister runden das Werk ab.

André Uzulis, Hans Fallada. Biografie, Steffen Verlag, Dezember 2016, 440 Seiten, 26,95 Euro.

Extra Werke

Zu Hans Falladas bekanntesten Werken gehören "Bauern, Bonzen und Bomben" (1931), Kleiner Mann - was nun?" (1932), "Wer einmal aus dem Blechnaf frisst" (1934), "Wolf unter Wölfen" (1937), "Ein Mann will nach oben" (1941), "Der Alpdruck" und "Jeder stirbt für sich allein" (1946).