Im Wandel der Zeit: Gute Reise!

Im Wandel der Zeit : Gute Reise!

1900: Es gibt keine Billigflieger, keinen Massentourismus, dafür kommt die Post bis zu acht Mal am Tag. Ein neues Buch über Reisemedien von damals bringt interessante Einblicke – auch wenn entgegen damaliger Überzeugung der Erfinder der Ansichtskarte kein Manderscheider ist.

Sommerferien in Zeiten des Massentourismus: Wer selbst (noch) nicht weg ist, wird vielleicht trotzdem permanent an ferne Ziele erinnert – von Freunden, Verwandten und Bekannten. Selfie aus dem Monument Valley. Kreuzfahrtschiff-Impression mitsamt Info „gleich geht’s los“. Schnappschuss vom griechischen Hotel-Balkon, im Hintergrund glitzert das Mittelmeer, was soll es sonst tun. Auf Facebook, Instagram oder per E-Mail. Wer zu Hause bleibt, kann sich auch problemlos über Google Earth die entlegensten Südsee-Strände heranzoomen. Oder mal checken, wie sensationell eigentlich 723 andere Internetnutzer das Chicken Jalfrezi beim Geheimtipp-Inder in London fanden.

Die Art und Weise zu reisen hat sich im Billigflieger-Selfiestick-Heute stark verändert gegenüber dem Jahr 1900. Aber einiges ist gar nicht so viel anders. So mag zwar inzwischen jeder öffentlich bewerten, was er sieht, hört und isst.

Aber die Ursprünge dafür finden sich schon in Reiseführern aus dem 19. Jahrhundert. Sie gehen zurück auf den Koblenzer Karl Baedeker, Begründer der gleichnamigen Reiseführer. „Er hat das Sternchen-Prinzip eingeführt – drei Sterne heißt ‚unbedingt anschauen’ und so fort. Baedeker hatte alles selbst kontrolliert und die Fakten sehr gut vor Ort geprüft“, sagt Annette Deeken. Die Professorin lehrt Mediengeschichte an der Universität Trier. Kürzlich ist ihr Buch „Reisemedien um 1900. Eine Kulturgeschichte“ erschienen“. Deeken promovierte über Karl May, schrieb über Frauenreisen in den Orient und habilitierte über die Geschichte der Reisefilme: „Das Buch ist der Versuch, eine Quintessenz zu formulieren.“ Es geht dabei nicht spezifisch um die Region. Trier spielt aber an mehreren Stellen eine Rolle – schon, weil Annette Deeken viele historische Zeitungsausgaben aus der Region ausgewertet hat. Der Baedeker von 1912 berichtet seitenweise über Trier, bis ins Detail. Auch über die Etablissements, die man sich nur von draußen anschauen durfte: „Die weinberühmten Gesellschaften Kasino (Kornmarkt), kath. Bürgerverein (Viehmarkt), Treviris (kath. Vereinshaus) sind nur eingeführten Fremden zugänglich.“

Schon damals habe es ein großes Angebot gegeben, etwas von der Welt zu sehen, ohne zu verreisen. Reiseführer und Ansichtskarten gibt es heute noch. Das früher sehr populäre Kaiserpanorama ist dagegen in Vergessenheit geraten – es brachte ferne Länder via Reisedias näher, auch in die Trierer Brückenstraße oder ins Rote Haus. „Das gab es in Trier seit mindestens 1892 – und rund drei Jahrzehnte lang“, sagt Annette Deeken, die zahlreiche Quellen ausgewertet hat: „Das Kaiserpanorama war eine Institution in Deutschland. Es war das einzige Informationsmittel, wo man sehen konnte, wenn der Kaiser ein Schiff eingeweiht oder eine Parade abgenommen hat. Oder wie es in Indien aussieht oder in den Krisengebieten Anfang des 20. Jahrhunderts, zum Beispiel in Marokko.“ Das Medium sei auch vom Bürgertum akzeptiert gewesen – im Gegensatz zum Kino der frühen Jahre, das von vielen anfangs kritisch gesehen wurde. Die Bilderzyklen wechselten jede Woche.

Hat ein Manderscheider die Ansichtskarte erfunden? Wenn man einem im Buch abgedruckten Artikel aus der „Trierischen Zeitung“ von 1898 glaubt: ja. Heinrich-Josef Thielen, früherer Bürgermeister von Manderscheid, habe schon in den 1850ern „die schönsten Punkte der Eifel photographisch aufnehmen lassen und diese Aufnahmen in die Welt geschickt“ (siehe Foto). Weitere Belege finden sich dafür allerdings nicht. „Es gibt sehr viele angebliche Erfinder der Ansichtskarte, wenn man im Internet schaut. Dass Manderscheid der Ursprungsort sein soll, habe ich in anderen Quellen nicht gelesen.“ Das wäre auch Heimatforscher Hans-Jürgen Neuhaus aus Manderscheid neu, der schon über die Vita von „Eifelheinrich“ Thielen (1832 - 1898) geschrieben hat, den Mitbegründer des Eifelvereins: „Er hat viel für den Fremdenverkehr getan, und wir haben auch Lithographien von ihm.“ Aber die erhaltenen seien aus dem späten 19. Jahrhundert – da boomten die Ansichtskarten bereits.

Auch Trier druckte vorne mit. „In Trier gab es eine bedeutende Druckerei in Sachen Ansichtskarten, Schaar und Dathe, da wurden Millionen von Karten gedruckt“, sagt Annette Deeken: „Die Druckerei war sehr international ausgerichtet und hatte 1900 auch eine eigene Filiale in Mailand.“ Der Firmensitz habe sich in der Nähe der Porta Nigra befunden.

Um ferne Länder, exotische Tiere und große Monumente noch plastischer vor sich zu sehen, gab es zudem die Stereoskopie – dazu wurden Fotos aus zwei leicht versetzten Perspektiven aufgenommen, wie es den Blickwinkeln der Augen entspricht. Das vermittelt einen räumlichen Effekt. Das 3-D der frühen Jahre – auch wenn das nicht ganz stimmt, weil die Bilder zweidimensional waren.

Und wie sieht es in Zukunft aus? Ansichtskarten werden immer noch verschickt, wenn auch nicht so viele wie früher – dafür gibt’s eben auch Social-Media-Plattformen. Dafür war man in puncto Service früher viel weiter als heute. „Es gab Zeiten, da wurde in Berlin die Post acht Mal am Tag gebracht. Auch Trier war mit Eisenbahn und Hauptbahnhof gut angebunden.“ Wie oft die Post täglich in Trier ausgetragen wurde, kann Annette Deeken zwar nicht genau sagen: „Aber öfter als einmal am Tag.“

Lunakarte_Trier. Foto: Annette Deeken
Der angebliche Erfinder der Ansichtskarten: ein früherer Bürgermeister von Manderscheid, Thielen. Aus dem Buch "Reisemedien um 1900" von Annette Deeken. Foto: Annette Deeken

Annette Deeken:  „Reisemedien um 1900. Eine Kulturgeschichte.“ 163 Seiten, Edition Winterwerk, 26.90 Euro.

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