| 20:35 Uhr

Gute Stimmen, wenig Dramatik

Raoul (Samuel T. Klauser) macht sich Sorgen um Christine (Anna Müllerleile). TV-Foto: Daniel John
Raoul (Samuel T. Klauser) macht sich Sorgen um Christine (Anna Müllerleile). TV-Foto: Daniel John
Trier. Das Phantom der Oper von Andrew Lloyd Webber ist eines der meistgespielten und erfolgreichsten Musicals der Welt. Die Fassung von Arndt Gerber und Paul Wilhelm, die am Mittwoch in Trier zu sehen war, hat damit aber nicht viel gemeinsam. Daniel John

Trier. Keiner hat die Musical-Szene in den letzten 30 Jahren so geprägt wie Andrew Lloyd Webber. Sein Stück "Cats" war das erste durchkomponierte Musical ohne Sprechpassagen. Wer diesen Stil und die bombastischen Inszenierungen in eigens dafür gebauten Häusern liebt, wird zwangsläufig enttäuscht sein von dem, was am Mittwoch in der Trierer Europahalle aufgeführt wurde. Die Version des Phantoms der Oper von Arndt Gerber (Musik) und Paul Wilhelm (Text) will laut Programmheft "eine künstlerische Gegenposition" einnehmen. Das bedeutet: Dem gesprochenen Wort wird wieder mehr Raum verschafft, ganz so wie in den Musicals der Vor-Webber-Zeit, an die sich die jüngere Generation kaum erinnern dürfte.
Das Ergebnis ist zwiespältig: Anna Müllerleile als Christine und Barbara Freitag als Carlotta überzeugen auch in der Opernarie mit sauberen Höhen, Robert Putzinger als Phantom hat eine starke Sprechstimme und zwei eindrucksvolle Soloauftritte, und auch die anderen Darsteller geben sich keine Blöße. Das Liveorchester unter Leitung von Lajos Taligás - in Ermangelung eines Orchestergrabens direkt vor der Bühne platziert - gibt die nötige Unterstützung.
Schwächer als die Ausführung sind dagegen das Stück selbst und die Inszenierung. Dass das Bühnenbild bei einer Tourneeproduktion nicht zu aufwändig sein darf, ist verständlich. Aber von dem angekündigten "Musical-Thriller" ist letztlich nicht viel zu spüren. Dazu fehlt es einigen Szenen einfach an Dramatik. Und die Lieder sind nicht so eingängig, wie sie es gerade bei einem klassischen Musical sein müssten.
Die Ankündigung weist zwar klar auf die Version von Gerber/Wilhelm hin, doch ob mancher Besucher angesichts des Wortes "Originalproduktion" nicht doch die Webber-Fassung erwartet hat, sei dahingestellt. Aber auch so sind nur 250 Gäste in die Europhalle gekommen. Das kann auch an den Eintrittspreisen liegen. Karten für "Tarzan" in Hamburg gibt es schon für unter 50 Euro, den "Tanz der Vampire" in Berlin für unter 40 Euro. Ob es sich lohnt, für dieses zwar unterhaltsame, aber alles andere als herausragende "Phantom" genauso viel oder mehr auszugeben, sei dahingestellt.