Hannah Ma präsentierte in der Tufa Trier „We are the people“.

Kultur : Auf der Suche nach der Wahrheit

Hannah Ma präsentierte in der Tufa Trier „We are the people“.

Für sie ist die Welt ein Durchgangsort, der irgendwo vielleicht wieder zur Heimat wird. „Als Migrantin ist mein Leben eine Reise“, sagt Nai-Ni Chen. Die chinesische Choreographin und Tänzerin, die heute in New York lebt, ist unterwegs zwischen den Kulturen und Identitäten, seit sie ihr Heimatland Taiwan verlassen hat. Die zeitgeistige Forderung nach gesellschaftlicher  Diversität hat die Künstlerin längst verinnerlicht. Für das Projekt „We are the people“ ihrer Kollegin, der deutsch-chinesischen Choreographin Hannah Ma ist die Wahlamerikanerin mit ihrer internationalen Kompagnie in die Trierer Tufa gekommen. Als  „Work in progress“ machen sich Nai-Ni Chen und ihre Tänzer an diesem Abend auf  die Suche nach Freiheit und Wahrheit, in der Welt draußen wie im eigenen Innern. Um die freie Rede und die Wahrheit der Medien geht es zu Beginn. Den Weg dorthin leuchtet Nai-Ni Chen selbst in einem traumhaft schönen Bild mit der Laterne aus. Und gleich da wird deutlich, was diese ausdrucksstarken Tänzer aus dem brodelnden Biotop am Hudson ausmacht.

In ihrer Körper- und Bildsprache verbinden sich sensibel gestalterische Fantasie und Poesie, Tradition und Experiment mit tänzerischer Präzision und Dynamik. Vom gedruckten Wort und seiner Verlässlichkeit ist tänzerisch im ersten Teil die Rede. Dazu sind die beiden Tänzer Greta Campo und Rashidi Lewis  Skulpturen gleich  in Zeitungen „gepackt“. Bisweilen wirken sie wie Litfaßsäulen. Dann wieder erinnern ihre kämpferischen Bewegungen an die historischen Krieger der Peking Oper oder alter fernöstlicher Farbholzschnitte. Innenschau betreiben die beiden Tänzer im zweiten Teil. Zu Entdeckern der eigenen Identität werden sie in den Lichtkegeln ihrer Taschenlampen.

Meer, Wellen und Wind, ein Rausch von Freiheit erfüllen den Raum, wenn sich Campo und Lewis auf langen Plastikschwingen als Phönix in die Luft erheben. Bisweilen stört der harte Klang der Welt den Freiheitsrausch. Der Ambivalenz und Diversität der eigenen Identität gilt auch die kraftvolle hochexpressive Performance von Saeed Hani. Männlichkeit und Weiblichkeit verbinden sich in der Bewegungslyrik des syrischen Tänzers. Er ist gleichermaßen Kokette wie ängstlich Unterdrückte, Schmerzensmann wie Sieger. Zum Ende machen Giovanni Zazzera und Sergio Mel (beide ansässig in Luxemburg) in ihrem Tanzstück „Quand le silence parle“ die Stille gleichermaßen als Ort derVerunsicherung wie der Besinnung, tänzerisch beredt.

Ein eindrucksvoller Abend voll wunderbarer malerischer und dynamischer Bilder zu einem höchst aktuellen Thema, der Fenster öffnete und dazu beiträgt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Langer Beifall von den etwa 60 Zuschauern.

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