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Hans Neuenfels: Der einstige Trierer Revoluzzer

Hans Neuenfels: Der einstige Trierer Revoluzzer

Auch wenn es kaum noch jemand weiß: Die Grundlage für seinen Aufstieg in den Regie-Olymp legte Hans Neuenfels mit aufsehenerregenden Provokationen als Theater-Chefdramaturg im beschaulichen Trier der 60er Jahre.

Trier. (DiL) Der Herr in der schwarzen Soutane traute auf dem Trierer Hauptmarkt seinen Augen nicht, als ihm der junge Mann ein Flugblatt in die Hand drückte mit der Aufforderung "Helfen Sie mit, den Trierer Dom abzureißen".

Das war im Sommer 1966, der Mann hieß Hans Neuenfels, war 25 Jahre alt und frisch aus Wien als Dramaturg ans Trierer Theater gekommen. Das Flugblatt, das auch Fragen wie "Warum schänden Sie nicht kleine Mädchen?" enthielt, sollte für das "1. Happening in Rheinland-Pfalz" werben. Neuenfels wollte im Rahmen der damals en vogue befindlichen, nonkonformistischen Kunstform halbnackte Tänzerinnen in Badewannen mit lebenden Forellen steigen lassen und als Mussolini verkleidet auf dem Augustinerhof eine Rede halten.

Der zweitgrößte Trierer Kulturskandal der 60er Jahre - nach dem Loch, das Joseph Beuys ins Museum Simeonstift schlug - blieb nicht ohne Konsequenzen. Neuenfels flog achtkantig raus, ließ ein paar heftige Breitseiten gegen die "lethargischen Trierer Spießbürger" ab, bekam einen mittelgroßen Artikel im "Spiegel" - und konnte mit diesem Rückenwind binnen weniger Jahre nach Frankfurt durchstarten, wo er einer der prägendsten deutschen Theaterregisseure wurde.

Anders als viele Alt-68er verlor Neuenfels nie die provokative Kraft. Der Mann mit der heiseren Stimme, der aus seiner Neigung zum Alkohol nie ein Geheimnis gemacht hat, achtete immer darauf, nicht zum Hätschelkind des Establishments zu werden. Seine Frankfurter Skandal-"Aida" von 1981, in der er die Titelheldin als Putzfrau auftreten und zum Triumphmarsch Brathähnchen werfen ließ, gilt bis heute als Meilenstein moderner Opern-Interpretation.

Zwanzig Jahre später provozierte er in Salzburg mit einer grotesk-politischen Fledermaus, und zuletzt sorgte sein Berliner "Idomeneo" für Schlagzeilen: Aus Angst vor islamistischen Anschlägen wurde die Inszenierung, die abgeschlagene Köpfe von Mohammed, Christus und Buddha zeigt, zeitweilig abgesetzt.