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Hausbesetzer wie wir

„Mach' ne Faust aus deiner Hand“: Jan Plewka in der Trierer Tuchfabrik. TV-Foto: Frank Göbel
„Mach' ne Faust aus deiner Hand“: Jan Plewka in der Trierer Tuchfabrik. TV-Foto: Frank Göbel
Ein Höhepunkt im noch jungen Konzertjahr: Jan Plewkas Interpretation von Rio-Reiser-Songs wurde in der Trierer Tufa von 300 Zuschauern gefeiert. Von unserem Redakteur Andreas Feichtner

Trier. Fresenhagen ist so winzig, dass es keine Straßennamen braucht. Trier hat keine aktive Hausbesetzer-Szene. Kreuzberg knallt im Osten nicht an eine Mauer. Das sind 2008 drei Tatsachen, ziemlich unabhängig voneinander. Am Mittwochabend gab's die unsichtbare Verbindung zwischen den Orten. Jan Plewka bringt Rio Reiser zurück in die ausverkaufte Tuchfabrik, den "König von Deutschland": Plewka, früher erfolgreich als "Selig"-Sänger, sitzt mit Band um ein (künstliches) Lagerfeuer. Das Mikro braucht er nicht: "Doch die Leute im besetzten Haus riefen...", singt er - und die Reaktion kommt sofort, aus Dutzenden Kehlen, von der 18-Jährigen vorne wie vom Endfünfziger aus der Tiefe des Raums: "Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus. Schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus." Der Song um das 1972 besetzte Georg-von-Rauch-Haus ist ein Klassiker von Ton Steine Scherben, der früheren Band des vor zwölf Jahren gestorbenen Rio Reiser. Ein Klassiker wie "Keine Macht für Niemand" oder "Die letzte Schlacht gewinnen wir", die ebenfalls zu hören sind. Niemand hat die Absicht, ein Haus zu besetzen. Niemand hier, vermutlich. So lässt sich prima streiten: Sind die frühen "Scherben"-Texte heute reine Zeitdokumente? Nur Agit-Prop der Spät-68er? Oder sind die Ideen dahinter - aus dem Weg, Kapitalisten! - jenseits von Liechtenstein heute noch hochaktuell? Rio Reiser hat Mitte der 70er entnervt Berlin verlassen. Rein ins nordfriesische Fresenhagen, mittlerweile ist das eine Pilgerstätte für Fans. Das hieß auch: weniger Kampf in den Liedern, mehr Lyrik. Imitieren kann man den Sänger nicht, ohne kräftig zu verlieren. Jan Plewka versucht das gar nicht erst. Der 37-Jährige interpretiert Reiser. Meist mit brüchiger Stimme, mal mit dem Extra-Schuss Wahnsinn ("Irrenanstalt"). Dann wieder so bittersüß, dass man fast weinen möchte: "Zauberland ist abgebrannt/und brennt noch, lichterloh", singt Plewka durch die rot angestrahlte, dichteste Kunstnebel-Wand. Plewka ist dabei ungemein präsent, dennoch steht Reiser immer Vordergrund. Die Show kommt ohne Durchhänger aus. Dafür gibt es reichlich Glanzlichter. Etwa das beschwingt-bedrohliche "Der Turm stürzt ein" oder "Unten am Hafen": Plewka singt dabei allein zum Akkordeon, während der Rest der Band am Seiteneingang die "Flens"-Flaschen ploppen lässt. Feine Ideen und kleine Spielereien ziehen sich dabei durch die ganze Show. Den "König von Deutschland" gibt es nicht zu hören. Den durfte nur Rio singen, sagt Plewka. Kein Lied wird nur runtergenudelt. Das wäre respektlos. Mal zieht die Band in Straßenmusiker-Manier durch die Sitzreihen, sammelt dabei für einen guten Zweck ("für Bier"). Dann findet man Plewka nach einem Instrumental-Teil hinter den Stuhlreihen wieder, nur mit Akustikgitarre. So schön kann Rio sein. Schnell-Check Plewka singt Reiser (Tribute an Reiser und Ton Steine Scherben) Ort: Tuchfabrik Trier Zuschauer: 300 (ausv.) Kartenpreis: 20 Euro (Sitzplatz). Show: 120 Minuten Fazit: Eine Hommage voller Gefühl und Ideen - Rio wäre gerührt, bestimmt! (AF)