1. Region
  2. Kultur

"Heimat" nach Wittlicher Art

"Heimat" nach Wittlicher Art

Wiedersehen von Freunden: im Wittlicher Rathaus trafen sich im Rahmen der Ausstellung der Sammlung Drautzburg der 76-jährige Friedel Drautzburg und sein Freund der 80-jährige Tony Munzlinger. Das launige Gespräch machte dem Publikum sichtlich Spaß.

Wittlich. Ach ja, das waren noch Zeiten, damals in den 68ern , als man studentisch bündlerisch abends in verräucherten Kneipen mit 25 Kölsch die Weltbrände löschte und die nächste Demonstration plante. An eine stürmische Vergangenheit als Chef seines "linken" Studentenbundes erinnerte sich Friedel Drautzburg dieser Tage im Alten Rathaus in Wittlich.
Landschaft durch die Beine


Ins historische Gebäude am Marktplatz, wo derzeit die Sammlung des gebürtigen Wittlichers gezeigt wird, war der Wahlberliner mit einem anderen "Eingeborenen" der Lieserstadt gekommen. Tony Munzlinger, der international renommierte Karikaturist, Drautzburgs Freund seit Kindertagen und selbstverständlich in seiner Sammlung wie in der Wittlicher Schau vertreten, hatte sich als Gesprächspartner eingefunden.
Weiß sind inzwischen die Schläfen der beiden Herren geworden, dafür hat ihr Humor nichts an Farbigkeit verloren und ihr blitzblanker Verstand sowieso nicht. Nach dem Motto "Weißt du noch" entwickelte sich der Abend zu einer Art Wittlicher "Heimat" in Dialogform. Als Moderatorin bemühte sich Kulturamtsleiterin Elke Scheid die schwer zu bremsende Eigendynamik dieser Mischung aus nostalgischem Rückblick und Stoffsammlung für einen Entwicklungsroman auf Linie zu halten.
Von Kunst war an diesem Abend weniger grundsätzlich die Rede. Eher ergab sie sich aus dem Biografischen. Munzlinger erzählte von seiner fortschrittlichen Kunsterzieherin am örtlichen Cusanus-Gymnasium, die ihre Schüler aufforderte, im Mauerwerk grafische Strukturen zu erkennen. Drautzburgs Kunstlehrer dort zog mit seinen Schülern ins Freie und forderte ihnen eine bei Kunststudenten gängige Übung ab. Mit vorgebeugtem Oberkörper mussten sie die Landschaft durch die Beine betrachten, um sie losgelöst vom Gegenstand nur noch als Farbe und Form wahrzunehmen.
Sein Kindheitstrauma Krieg macht dem Wahlberliner Drautzburg bis heute zu schaffen. Was Wunder, dass die Begegnung mit Picassos Kriegsbild "Guernica" in Amsterdam zum Schlüsselerlebnis des Sammlers wurde. Der Tod war wohl auch allzeit im Leben Munzlingers gegenwärtig. Als Messdiener waren seine Einsätze gefragt, wenn Todkranke mit den Sterbesakramenten zu versehen waren. Manch einer lief, wie sich der Künstler augenzwinkernd erinnerte, am nächsten Tag dann doch wieder putzmunter durch die Stadt.
Glück suchen, Fürchten lernen


Messdiener Drautzburg betrachtete die Dinge schon damals eher von ihrer Markttauglichkeit her. Bei Beerdigungen halfen ihm die Tannenzweige für Kränze, sein Schulgeld zu finanzieren. Derweil hielt der kleinwüchsige Munzlinger, schon als Schüler ein brillianter Zeichner, die physische Übermacht seiner Mitschüler durch zeichnerische Liebesdienste unter Kontrolle.
Als Kind aus "proletarischem Milieu" entwickelte der spätere Jurist Drautzburg früh einen wachen Sinn für gesellschaftliche Verhältnisse und (wo nötig) ihrer politischen Überwindung. Nur logisch, dass der inzwischen zum Kneipier in Bonn avancierte Wittlicher die gutbürgerliche Tapete seiner ersten Galerie mit den politischen Plakaten seines Freundes Staeck überklebte.
Zurück nach Wittlich: Irgendwann waren beiden Freunde in die Welt gezogen, um ihr Glück zu finden und das Fürchten zu lernen, erstmal der eine nach Köln, der andere nach Hamburg und Bonn. Womit die Geschichte der beiden so verschiedenen Freunde vorerst endete. Dem vitalen, agilen und von seiner unerledigten Leidenschaft für die Kunst umgetriebenen Drautzburg und dem virtuosen Zeichner Munzlinger, der so herrlich hell wie schwarz lachen kann. Allerdings: Nicht selten weint hinter diesem Lachen bitterlich der Schmerz.