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Herzstück statt Episode

Herzstück statt Episode

LUXEMBURG. (mö) Hélène Grimaud zu erleben, ist ein Ereignis für sich. In der Luxemburger Philharmonie verliehen die junge Pianistin und die St. Petersburger Sinfoniker unter Yuri Temirkanov Rachmaninows zweitem Klavierkonzert eine ganz neue, unerwartete Gestalt.

Es mag ja sein, dass die St. Petersburger Philharmoniker und ihr langjähriger Chef Yuri Temirkanov mit der abschließenden "Schwanensee"-Suite von Peter Tschaikowsky nicht die glücklichste Hand hatten. Es mag sein, dass der gradlinige Musizierstil der ehemaligen "Leningrader" wenig tänzerische Assoziationen entbindet und die Suite ohne Ballett ihre Unfertigkeit, ihre lautstarke Dürftigkeit enthüllt. Und doch: welch kluge, welch geschickte Programm-Dramaturgie! Rachmaninows gewichtiges Klavierkonzert Nummer 2 in der Mitte zwischen Tschaikowsky und Prokofjews "Symphonie classique", der Prokofjew zudem mit Klarheit, Beweglichkeit, Disziplin, mit einer leichthändigen, hintersinnigen Klassizität musiziert - da rückt, was meist nur konzertante Einlage ist, ins Zentrum. Aus der Episode wird ein Herzstück. Es ist der Abend der Hélène Grimaud. Die junge, schlanke, fast schmächtige Pianistin mit den schmalen, feinen Händen und dem hellen, leicht metallischen Klavierton lichtet Rachmaninovs Klavier-Dickicht und erfasst doch alle Ausdrucks-Fülle dieser Musik. Den Geist Bizets beschwörend

Wenn zum ersten Mal über den Figuren der linken Hand eine Melodie aufleuchtet, dann lässt Hélène Grimaud auch die Begleitfiguren durch, gibt ihnen Transparenz, statt sie unter einer fetten Oberstimme im Pedalnebel zu versenken. Den Mittelteil des Kopfsatzes nimmt sie leicht, fließend, beschwört den Geist Bizets bei Rachmaninow. Den einfachen Melodie- und Begleitfiguren um langsamen Satz gibt sie einen träumerisch-naiven Beiklang mit und die Kadenz zum Klavier-Einstieg im Finale erhält eine nachgerade exemplarische Deutlichkeit und Leichtigkeit. Rachmaninows kraftvolles Pathos leidet nicht; die vollgriffigen Partien glänzen mit Energie und Tiefe. Aber Grimaud und die Petersburger finden den Ausdruck nicht in Wucht und Fülle, sondern in den Intensität und Organik des Musizierens. Orchester und Pianistin verstehen sich fast blind. Wenn Klavier und erste Violinen im Finale zu einem Fugato ansetzen, dann sind sie nicht nur rhythmisch beieinander, sondern auch klanglich perfekt ausbalanciert. Und über allem setzt Yuri Temirkanov seine Dirigier-Akzente, steuert ohne Taktstock und mit weicher, fließender Gestik auf Ruhepunkte zu, lässt die Musik atmen. Dieser natürliche, flexible Rachmaninow-Stil war die eigentliche Sensation dieses Konzerts. Eine Emotionsfülle, die nicht beklemmt, sondern befreit. Rachmaninow - kein Komponist filmmusikreifer Klischees, sondern ein Weltmusiker, der von Mozart bis Skriabin die europäische Musikgeschichte unverwechselbar zusammenfasst. Das Publikum im vollbesetzten "Grand Auditorium" war hingerissen.