Hexenmeisterin auf der Geige

Hexenmeisterin auf der Geige

Es ist ein ebenso mitreißendes Musikerlebnis wie atemberaubendes Spektakel: In der Luxemburger Philharmonie haben Patricia Kopatchinskaja und das London Philharmonic Orchestra 1350 Zuhörer von den Stühlen geholt.

Luxemburg. "Das ist ja eine Hexe" - der Herr auf dem Sitz nebenan ist hingerissen. Vorne auf der Bühne spielt Patricia Kopatchinskaja auf ihrer Geige. Rot und gelb lodert ihr Rock. Nur das feine schwarze Gitter aus Stoffstreifen darüber scheint zu verhindern, dass die Flammen ins Publikum überspringen. Das tun sie musikalisch natürlich doch. Denn fulminant ist die barfüßige Stargeigerin immer. Flamme, Feuergeist, Kobold, Poetin, alles auf einmal ist die gebürtige Moldawierin, wenn sie mit ihrer Geige tanzt, das Orchester anzuspringen scheint und alles aus ihr herausbricht, was sie an Musik gespeichert hat.
Mit Sergej Prokofievs in der Emigration geschriebenem Violinkonzert Nr. 2 in g-Moll ist sie nach Luxemburg gekommen. Einmal mehr bestätigt sich: Langweilig oder weichgespült ist das Spiel der 36-jährigen Geigerin nie. Stromlinie ist nicht ihr Ding. Risikofreudig, zupackend und mit einer Dringlichkeit, die atemlos macht, geht sie die Musik an. Da mag es in den wahnsinnig schnellen Passagen schon mal ein paar Reibungsverluste in der Intonation geben: Faszinierend und herrlich eigenwillig bleibt Patricia Kopatchinskaja auch in Luxemburg.
Flüsternd und verletzlich


Prokofievs von Heimweh angetriebener, fast manisch-depressiver Musik lässt sie die Brüche, das unentschlossen Getriebene, die Schönheit wie das Leiden. Flüsternd, verletzlich, so als ob die Geigerin mit sich selbst spräche, beginnt sie den ersten Satz. Das Cello kommt ihr zur Hilfe. Nichts Schöngefärbtes hat ihr herrlicher Geigengesang im Andante. Das ist Schönheit, die aus dem Schmerz kommt und schmerzhaft zu hören ist. Gespenstisch: die wahnsinnige Raserei des Allegros zum Schluss.
Die Geigerin ist mit dem London Philharmonic Orchestra auf den Kirchberg gereist. Einem Klangkörper, der ebenso modern, spiel- und risikofreudig ist, wie sie selbst. Herrlich transparent macht der großartige Vladimir Jurowski die Orchesterstimmen leuchten. Und wenn er rhythmisch prägnant, zuweilen zackig, mit knappen Bewegungen das Orchester leitet, dann gleicht er manchmal eher einem Feldherrn als einem Dirigenten.
Wie fein der Klangsinn des Orchesters ist, wie vielstimmig und vielfarbig es Geschichten erzählen kann, war gleich zu Beginn in Nikolai Rimski-Korsakovs Orchestersuite "Die Nacht vor Weihnachten" zu erleben. Da funkelten die Sterne leuchtend und klar wie Eiskristalle. Da tanzten die Hexen und spukten die Geister. Zum Ende versöhnlich und mit weiter Geste, allerdings auch etwas abgespielt: Sergej Rachmaninovs Symphonic Dances, opus 45. er

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