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„Hits und Storys“ im Messepark

Kultur : Weißt du noch, 2020? Was haben wir geblinkt!

Ein Live-Konzert vom eigenen Auto aus anschauen? Der TV hat sich die SWR1-Show „Hits und Storys“ im Messepark angeschaut.

Das erste Open Air des Jahres, endlich: Auto parken, Cola oder Bier besorgen, vielleicht noch die Ohrstöpsel rein, dann gleich ab vor die Bühne. Stopp! Das ist ja so was von 2019, dass es schon fast weh tut.

Das erste Open Air des Jahres 2020 – zumindest spielte am Sonntag die erste Liveband in diesem Spätfrühling auf der Bühne im Trierer Messepark –, ist gar keins. Kein Open Air, kein richtiges jedenfalls, nur für die Musiker von „Pop History“, die unter freiem Himmel Unplugged-Versionen von Hits aus den letzten 50 Jahren auf die kleine Bühne neben der großen Autokino-LED-Wand bringen. Mit Plexiglas-Scheiben voneinander getrennt. Dass sie zu viert überhaupt auf die Bretter dürfen, verdanken sie einer Sondergenehmigung. Das Publikum sitzt im Auto, dreht das Radio auf – my car is my castle. Der Golf lichthupt, der Peugeot warnblinkt. Im Volvo wippt ein Schatten zum Takt. Wer das vor wenigen Monaten als heißen Konzerttrend prophezeit hätte, wäre sehr laut ausgelacht worden. Aber jetzt lacht keiner. Und wenn, dann hört man es nicht im eigenen PS-Käfig.

Es ist Improvisation gefragt in Zeiten der physischen Distanz. Wenn SWR1 mit seiner erfolgreichen Reihe „Hits und Storys“ live  auf Tour ist, sieht das normalerweise so aus: Moderatorin Andrea Ballschuh und SWR1-Musikchef Bernd Rosinus stehen mit der Band auf der Bühne, erzählen was über die Geschichte eines Songs oder Künstlers – von David Bowie über Cyndi Lauper bis Phil Collins – und dann gibt’s das Stück zu hören. Ballhaus und Rosinus sind in Trier wegen der Corona-Einschränkungen nur in Einspielern auf der LED-Wand zu sehen. Im Messepark gibt es ein definitiv ungewöhnliches Konzert zu erleben. Eins mit Autokino-Charakter, wenn der junge Johnny Depp im Video zu Tom Pettys „Into the Great Wide Open“ zu sehen ist. Aber es klingt auch nach einem exklusiven Radio-Konzert, übertragen auf UKW-Frequenz ins Autoradio – mit einer routinierten Band um Peter Kühn und ihren Unplugged-Versionen von Songs wie „While My Guitar Gently Weeps“ (The Beatles), „Fields of Gold“ in der Version von Eva Cassidy oder „She Bop“ (Cyndi Lauper). Zu hören gibt es auch den letzten Song, den Janis Joplin aufgenommen hat, bevor sie im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis starb: Mercedes-Benz. Sie gilt auch Inspiration für den „Catering-Rider“ – die Wunschliste der Künstler an den Veranstalter – so erzählen es die SWR1-Kollegen: Demnach habe Janis Joplin ihr einziges Deutschland-Konzert, 1969 in Frankfurt, fast unmittelbar vor der Show abgesagt. Weil sie Tequila wollte und Veranstalter Fritz Rau auf die Schnelle keinen auftreiben konnte. Der Mix aus Anekdote und Song funktioniert im Radio – und in den meisten Fällen auch in der Corona-Live-Varante. Dem totgenudelten „Africa“ von Toto sind dagegen kaum noch neue Facetten abzugewinnen. Wenn man dann das Radio runterdreht und das Fenster öffnet, hört man die Band nur leise von der Bühne aus, eine Anlage braucht es nicht  – auch das kennt man so nicht von Open Airs. Vom Publikum gibt’s alles, was das Auto lichttechnisch so hergibt – und am Ende hört man aus offenen Fenstern auch Jubel.

Michelle und Ramon Roselli im Autokino in den Trierer Moselauen. Singen mit Michelle aus dem Auto heraus. Foto: Hans Krämer

Wer sein Batterie zu sehr verausgabt hat, muss sich übrigens keine Sorgen machen: Mit Starthilfe kennen sich die Veranstalter inzwischen bestens aus.