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Hoffnung für die Antikenfestspiele

Hoffnung für die Antikenfestspiele

Die aufsehenerregende Absage der Antikenfestspiele 2009 hat offenbar Bewegung in die erstarrten Fronten um Triers Renommier-Festival gebracht. Kulturdezernent Ulrich Holkenbrink präsentierte gestern ein runderneuertes Konzept, verbunden mit der Hoffnung auf einen Aufschwung - und breite Unterstützung aus Politik und Wirtschaft.

 Ulrich Holkenbrink. TV-Foto: Archiv
Ulrich Holkenbrink. TV-Foto: Archiv

Trier. Nach dem Schiffbruch mit dem vorgesehenen Programm für 2009 hatte es eine Fülle von Aktivitäten gegeben. Holkenbrink beauftragte die Agentur "Markenmut" (früher Dietz & Partner) mit einer Marketing-Analyse und lud zu einer Reihe von Experten-Gesprächen ein, Intendant Gerhard Weber zog auf Bitten von OB Jensen externe Theater-Experten zu Rate.

Das nun im Kulturausschuss vorgelegte Ergebnis bringt im Kern folgende Veränderungen: Die Antikenfestspiele werden auf die zweite Juli-Hälfte verlegt, was zum einen berechenbarere Wetterverhältnisse bringt und zum anderen die Möglichkeit bietet, das Festival gemeinsam mit "Brot und Spiele", Open-Air-Veranstaltungen des Mosel-Musikfestivals, Erlebnisführungen und Pop-Konzerten in ein Gesamt-Paket zur Bespielung der römischen Stätten zu packen. Der kompakte "Antike Sommer" in Trier war sowohl den Vertretern des Landes Rheinland-Pfalz als auch den Touristikern ein wichtiges Anliegen. Das Theater hatte sich aus arbeits- und tarifrechtlichen Gründen mit dem neuen Termin bislang schwergetan. Als "Haupt-Produktion" und Aushängeschild des Festivals firmiert künftig eine Opern-Wiederentdeckung, die im Amphitheater aufgeführt wird. So will man austauschbare populistische Massenware Marke Nabucco und Aida meiden, das kulturelle Profil der Stadt schärfen, überregionales Publikum ansprechen, aber trotzdem "sozialverträgliche" Musiktheater-Stücke anbieten, die auch das einheimische Publikum locken. Für die ersten Spielzeiten kündigte Intendant Gerhard Weber mit "Nerone" von Arrigo Boito, der "Königin von Saba" von Karl Goldmark und den "Trojanern" von Hector Berlioz drei Produktionen mit antiken Themen an. Auf Dauer soll der Zusammenhang zur Antike erhalten bleiben, aber nicht zu kleinlich ausgelegt werden.

Das Schauspiel erhält als ergänzende Produktion künftig eher experimentellen Charakter. Weber will auf diesem Sektor mit hochkarätigen Ensembles aus ganz Deutschland zusammenarbeiten und sie als Gäste einer "Werkschau der Auseinandersetzung mit der Antike" an die Mosel locken. Dabei sollen Spielorte in der ganzen Stadt von den Viehmarkt-Thermen über den Innenhof des Kurfürstlichen Palais bis zu den Vorplätzen von Dom und Porta ausprobiert werden. Damit würden die Festspiele das Amphitheater nicht mehr komplett auslasten und es bliebe mehr Raum, etwa für Pop-Konzerte.

Das Rahmenprogramm soll deutlich ausgeweitet und qualitativ aufgewertet werden. Um die "Normalbürger" stärker einzubinden und die Identifikation mit "ihren" Festspielen zu stärken, wird eine "Antike Nacht" in der Stadt angestrebt. Wissenschaftliche Veranstaltungen könnten in Zusammenarbeit mit dem SWR und den Hochschulen stattfinden.

Das Marketing für die Festspiele soll professionalisiert und verstetigt werden. Mit längerfristigen Ankündigungen und gezielten Kampagnen will man die Aufmerksamkeit erhöhen. Die Agentur "Markenmut" hat empfohlen, die Großregion samt Lothringen und Benelux sowie die angrenzenden Ballungsgebiete um Köln, Frankfurt und Mannheim anzuzielen.

Das neue Konzept eröffne "gute Zukunftsperspektiven", zeigte sich Dezernent Holkenbrink optimistisch. Auch wenn sich für den Neu-Start 2010 noch nicht alle geplanten Veränderungen realisieren ließen, sei das Aufbruchsignal dieses "Stufenplans" unübersehbar.

Freilich bleiben wichtige Fragen bislang unbeantwortet. Von der vielfach geforderten neuen Organisationsstruktur ist nicht die Rede. Die Finanzierung des Zusatz-Aufwands muss erst gesichert werden, ebenso wie die finanzielle und baurechtliche Seite der nötigen Infrastrukturmaßnahmen am Spielort Amphitheater. Man sei, so Holkenbrink, "auf gutem Weg".

Man habe im Ausschuss "über Geld geredet", gab sich der Intendant wortkarg. Dass das Budget von einer Million Euro zur Realisierung des neuen Konzepts aufgestockt werden muss, steht außer Frage. Dass der städtische Haushalt das nicht leisten kann, aber auch.

Meinung

Faire Chance

Der ganz große Wurf ist das neue Konzept noch nicht. Die Vorgabe des Stadtrates, definitiv 2010 und im Amphitheater weiterzumachen, hat ein kreatives Neudenken der Antikenfestspiele nicht zugelassen. Obwohl fast alle Experten dafür plädierten, bis 2011 zu warten und die Zukunft in Ruhe und ergebnisoffen zu diskutieren: die Politik wollte es anders. Trotzdem verdient der jetzt vorgelegte Entwurf eine faire Chance. Denn er bringt wichtige Fortschritte: Die Festspiele finden zu einem sinnvollen Zeitpunkt statt, sie können eingebunden werden in eine gut vermarktbare Dachmarke für einen Veranstaltungssommer in den antiken Stätten. Es soll endlich Schluss sein mit dem unseligen Hin und Her zwischen verschiedenen Haupt-Spielstätten und dem musikästhetischen Sammelsurium. Bislang glich der Erwerb einer Karte für die Festspiele einem Griff in die Wundertüte. Nur klares Profil bringt Erfolg - das scheinen die Festspiel-Macher nun erkannt zu haben. Eine entwicklungsfähige Grundlage ist da, aber die eigentliche Arbeit beginnt erst. Das Land muss überzeugt werden, Wirtschaft und Sponsoren vor Ort, das kulturinteressierte Publikum und die Bevölkerung von Stadt und Umland. Formelkompromisse helfen da wenig, was gebraucht wird, ist Vertrauen, Aufbruchstimmung und Begeisterung. Aber vom Nullpunkt aus kann es eigentlich nur aufwärts gehen. d.lintz@volksfreund.de