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Hymnus des Abschieds

Hymnus des Abschieds

Bruckners 9. Symphonie ist das musikalische Schlusswort des Komponisten. Beim Cleveland-Orchestra unter Franz Welser-Möts entfaltete diese Komposition ihre ganze philosophisch-religiöse Tiefe.

Luxemburg. In der Luxemburger Philharmonie herrschte atemlose Stille, bevor der Beifall losbrach. Er schaut so aus, wie man Franz Schubert von Bildern kennt: kleine Statur, Lockenkopf, randlose Brille. Und etwas von Schubert steckt auch im Dirigat von Franz Welser-Möst. Den Taktstock hält er locker in der Rechten, seine Bewegungen haben etwas Fließendes, Unverspanntes, Gesten, die einladen, statt zu kommandieren. Idealfall für eine Bruckner-Interpretation, die sich nicht aufs wuchtige, blechglänzende Klang-Klischee verlässt, sondern der Musik nachspürt und deren Seele entdeckt. Welser-Mösts uneitler Bruckner-Stil hat die enorm weiten Entwicklungsräume der 9. Symphonie fest im Visier und behält dabei ihr Organisches. Statt pointiert Spannungen aufzubauen und die Musik gleichsam unter Strom zu stellen, geleitet er Orchester und Hörer in die großen Aufgipfelungen hinein. Das wunderbare Cleveland-Orchestra gibt diesen Höhepunkten Größe ohne mit leerer Lautstärke zu prunken, singt die Nebenthemen aus, entwickelt die farbenreiche Bläser-Polyphonie der Partitur, findet auch in ungewöhnlichen Instrumenten-Kombinationen zu perfekter Balance. So wird das feierliche Adagio zu einem Hymnus des Abschieds. Nachdrücklicher noch als in den Sätzen zuvor werden die Generalpausen Orte einer Stille, die dem Klang nachhorcht, frei von aller Machtgestik. Und es kommt eine Ahnung auf, die sich auch bei Schuberts "Unvollendeter" einstellt: dass das Fragment eine Vollkommenheit in sich birgt, die beim vollendeten Werk vielleicht verloren gegangen wäre. Erstaunlich, wie perfekt die einleitende Mozart-Symphonie KV 200, trotz der Unterschiede in Stil und Stimmung Bruckners Monument entspricht. Welser-Möst und das Cleveland-Orchestra musizieren gefällig, aber nicht verspielt, öffnen in den Tuttipartien erstaunlich weite Klang-räume und verfehlen nur im allzu forsch angegangenen Menuett die Ausdruckskombination von Brillanz, Wärme und Übermut. Aus beiden Kompositionen spricht der Mensch - das junge, optimistische, selbstbewusste Genie und der von Selbstzweifeln bedrängte Künstler, der sich in einen höheren Willen fügt und auf ein Ende blickt, das für ihn ein Anfang ist.