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"Ich bin etwas altersmilde geworden"

"Ich bin etwas altersmilde geworden"

"Nah dran" verspricht Hannes Wader seinen Fans für die aktuelle Tournee. Den Beweis tritt der Liedermacher im März gleich zweimal in der Region an. Am Dienstag, 25. März, kommt er ins Trierer Theater, einen Tag später ist er in Idar-Oberstein zu Gast. Beide Auftritte sind ausverkauft.

Trier. Unser Mitarbeiter Michael Schaust hat mit Hannes Wader übers Älterwerden gesprochen.
Ihr Album "Nah dran" von 2012 startet optimistisch mit "Dass wir so lange leben dürfen" und endet ernüchternd mit dem "Lied vom Tod". Ist das Thema Altern und Sterben endgültig bei Ihnen angekommen?
Hannes Wader: Es ist ein schönes, wichtiges Thema. Nur muss ich aufpassen, dass es nicht zu meinem Dauerthema wird. Auf jeden Fall beschäftigt es mich, in meinem Alter sowieso. Es ist ein Rückblick und ein Reflektieren über bisher Geschehenes. Es muss aber interessant fürs Publikum sein und soll nicht heißen: der wieder mit diesen Sachen.
Haben Sie eine Patientenverfügung?
Wader: Nein. Das ist ein wunder Punkt. Das habe ich schon in einem Lied thematisiert. Ich bin auch zu faul, ein Testament zu verfassen.
Junge deutsche Liedermacher wie Anna Depenbusch, Philipp Poisel oder Bosse berufen sich auch auf Ihr Werk und haben ein Tribute-Album veröffentlicht. Haben Sie mit solch einer Resonanz gerechnet?
Wader: Einerseits war ich überrascht, andererseits habe ich so etwas gewünscht. Ich hatte früher ja auch einen Doyen, den großartigen Franz Josef Degenhardt. Nun bin ich der älteste noch lebende der alten Garde kritischer Geister, auch wenn ich etwas altersmilde geworden bin.

Die traditionelle Linke ist längst in der Defensive. "The times there are a-changin\'" sang Bob Dylan 1963, und Sie texteten 1972 "dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war". War der real existierende Sozialismus nicht von Anfang an eine Totgeburt?
Wader: Er ist unheilbar erkrankt, hat aber zuvor eine notwendige und ungeheure Explosion in der Geschichte bewirkt. Ich bin stets meiner emotionalen Ader gefolgt. Fakten, die ja auch gefälscht sein können, waren mir da nicht so wichtig. Und ich bin politisch mit der Zeit zurückhaltender geworden.
Das Geldverdienen war Ihnen auch über die Sturm-und-Drang-Zeit hinaus nicht so wichtig. Gleichgültig und verschwenderisch - sind Sie das heute noch?
Wader: Nein. Ich habe da viel laufen lassen, nicht für die Rente vorgesorgt. Jemandem und dem Staat auf der Tasche liegen, das will ich keineswegs. Also muss ich weiterarbeiten, was ich auch gerne tue, solange es geht und ich mich nicht blamiere.
Gibt es heute noch die aufmüpfige Jugend?
Wader: Ja, zum Beispiel Occupy. Es ist aber nicht mehr die große, weltweite Jugendbewegung so wie gegen den Vietnamkrieg. Die heutigen jungen Protestierer wenden sich gegen den neoliberalen Mainstream. Nur ist es jetzt sehr schwierig, gegen das viele Unrecht im Kapitalismus, wenn auch zu Recht, zu opponieren - gegen Banken, gegen Lobbyisten, gegen Politiker und vieles mehr. Bei so viel Wichtigkeit verliert man schnell die Übersicht, vieles wird gleichgültig. Leider.
Sehr wichtige Themen gibt es aber - wie den Kampf gegen den Rechtsradikalismus. Sie haben 2012 im Lied "Boulevard St. Martin" dem jüdischen Widerstandskämpfer Peter Gingold musikalisch ein Denkmal gesetzt ...
Wader: Es hat sich nicht viel geändert. Die braunen Schatten sind nicht weg. Aber resignieren möchte ich nicht. Es gilt, weiter der Unmenschlichkeit die Stirn zu bieten.
In einem Konzert im Koblenzer Café Hahn haben Sie auf den Wunsch aus dem Publikum, Ihr bekanntes, fast zwölfminütiges Stück "Der Tankerkönig" zu spielen, geantwortet: "Ich kann den gesamten Text nicht mehr behalten." Ist das wirklich das letzte Wort?
Wader: Ich liebäugle schon damit, den "Tankerkönig" noch einmal aufzuführen - wenn ich endgültig von der Bühne gehe. Zuvor werde ich, wie jetzt auf der Tournee auch, Lieder vortragen, die ich später, vielleicht noch in diesem Jahr, auf einer neuen Platte veröffentliche. red

Hannes Wader: "Na dran"-Tour, Dienstag, 25. März, Theater Trier, Mittwoch, 26. März, Stadttheater Idar-Oberstein (beide ausverkauft), Karten gibt es noch für den Auftritt am Dienstag, 25. November, 20 Uhr, in der Congresshalle in Saarbrücken: TV-Service-Center Trier, TV-Tickethotline 0651/7199-996, www.volksfreund.de/tickets