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"Ich bin keine Ikone”

"Ich bin keine Ikone”

"Give my Love to London" heißt das neue Album von Marianne Faithfull. Am Sonntag ist die 67-jährige Grand Dame des wilden Lebens im Rahmen ihrer 50 Jahre Jubiläumstour in der Rockhal in Luxemburg zu Gast. Dem TV hat sie erzählt, warum sie auf ihren Lebensweg stolz ist und ihre Vergangenheit kein bisschen bereut.

Paris/Luxemburg. In den Texten ihrer neuen Platte blickt Marianne Faithfull unsentimental und bisweilen harsch auf ihre schillernde Vergangenheit zurück, auf den frühen Ruhm als Teenage-Gesellschaftsmädchen und Geliebte von Mick Jagger, auf den krassen, drogen- und depressionsbedingten Absturz in die sprichwörtliche Gosse und auf den Wiederaufstieg zur hochgeschätzten Rock\'n\'Roll-Lady mit rauchiger Stimme. Im November bringt sie zudem das opulente Fotobuch "Marianne Faithfull: A Life on Record" heraus. Anlässlich ihres goldenen Rockjubiläums hat unser Mitarbeiter Steffen Rüth in Paris mit Marianne Faithfull gesprochen. Frau Faithfull, Sie haben sich 2013 am Rücken verletzt. Im Mai brachen Sie sich bei einem Sturz die Hüfte. Wie geht es Ihnen jetzt?Marianne Faithfull: Es wird, es wird. Ein Trainer kommt regelmäßig und macht Übungen mit mir, ich gehe schwimmen und viel spazieren. Ich tue, was ich kann, um meine Ärzte zufriedenzustellen. Das waren nicht die einfachsten zwei Jahre für mich. Ich bin wirklich froh und erleichtert, dass ich es geschafft habe, dieses neue Album fertigzustellen. "Give my Love to London" ist ein sehr vielschichtiges Album. Wo sind die meisten Ideen für Melodien und Texte entstanden?Faithfull: Im Bett. Ich lag für wirklich sehr lange Zeit flach auf dem Rücken und konnte nicht viel machen. Wenn du dich so schleppend erholst, wirst du nachdenklich, wehmütig, auch traurig. Ich bin tief eingetaucht in mich selbst, ich habe mich intensiv damit beschäftigt, was ich mag und was nicht. Wen ich mag und wen nicht. Wer ich bin, woran ich glaube, all diesen wichtigen Fragen, für die du wirklich Zeit und Muße brauchst, habe ich mich gewidmet.Sie sagen, Sie wissen nun, wer Sie nicht sein wollen. Nämlich?Faithfull: Ich bin keine Ikone, und ich will auch keine sein. Ich bin auch kein Popstar. Ich bin erst recht keine Legende. Dieser Nonsens hängt mir seit vielen Jahren wirklich zum Hals raus. Ich bin eine hart arbeitende Künstlerin und Musikerin, daran habe ich mich im Krankenbett erinnert. Seitdem ich mich dieser Tatsache vergewissert habe, fühlt sich mein Leben leichter an.Sie leben seit vielen Jahren in Paris und in Dublin, ihr Album heißt "Give my Love to London". Wie viel Liebe möchten Sie Ihrer alten Heimat London denn geben?Faithfull: Es hat seine Gründe, warum ich der Stadt vor langer Zeit den Rücken gekehrt habe. Selbstverständlich komme ich von Zeit zu Zeit nach London, mir bleibt nichts anderes übrig. Mein Sohn lebt dort, meine Enkelkinder und auch noch ein paar gute Freunde. Doch ich würde dort nicht mehr leben wollen, selbst wenn du mich gut dafür bezahltest.Warum nicht?Faithfull: Ich habe in London eine Menge erlebt. Zu viele schlimme Erinnerungen hängen an dieser Stadt, als dass ich mich dort wohlfühlen könnte. Sicherlich, nicht alles war von Dunkelheit und Horror geprägt, aber es war für mich mehr als genug Dunkelheit und Horror, um nicht mehr dort sein zu wollen. Haben Sie denn je nach Ihrem Wegzug versucht, London wieder liebzugewinnen?Faithfull: Ach, das habe ich aufgegeben. Immer, wenn ich dort war und mit dieser schrecklichen, widerwärtigen englischen Presse geredet habe, die bis heute nichts anderes von mir wissen will als Drogen- und Mick-Jagger-Geschichten, komme ich aufgebracht und wütend wieder nach Hause. Hier und da fangen die Medien ja neuerdings an, mich zu respektieren, aber dafür musste ich erst 50 Jahre durch die Scheiße gehen.Zurück zu Ihrem Album: Der traurige Song "Late Victorian Holocaust" ist vermutlich der Höhepunkt darauf …Faithfull: Ist das nicht ein tolles Lied? Nick Cave hat es extra für mich geschrieben. Darauf bin ich unfassbar stolz. Es geht in dem Lied um das Junkieleben in London, die Golborne Road in Notting Hill war damals das Zentrum, und ich schätze mal, ich bin die einzige von Nicks Freundinnen, die diesen Song glaubhaft singen kann.Kann es sein, dass Musiker und Künstler heute offener mit ihrer Drogengeschichte umgehen als früher? Nick Cave etwa erzählt ja auch offen über seine Heroinsucht.Faithfull: Ich denke, das fällt dir umso leichter, je größer der zeitliche Abstand ist. Sowohl Nick als auch ich nehmen seit vielen Jahren keine Drogen mehr, bei mir sind es 25 Jahre. Ich fühle auch keine Scham deswegen. Für mich waren die Drogen ein Teil meines Lebens. Und ich fand das weder damals noch jetzt im Nachhinein schrecklich, dass ich Heroin nahm und trank. Ich stehe dazu.Sie wurden 1964 mit 17 Jahren auf einer Party von Rolling-Stones-Manager Andrew Lloog Oldham entdeckt. Nun begeben Sie sich auf "50th Anniversary World Tour", also auf die Tournee zu Ihrem 50-jährigen Künstlerinnenjubiläum. War dieser Tourtitel Ihre Idee oder die der Konzertagentur?Faithfull: Ich bitte Sie! (lacht) Das ist doch total offensichtlich. Das ist die Idee der Menschen, die Geschäfte machen wollen. Aber ich finde den Namen ganz passend. Es ist ja nun einmal so, dass ich seit 50 Jahren dabei bin und immer noch lebe. Ich kann verstehen, dass dies ein Anlass zum Feiern ist.Sie selbst leben aber eher in Gegenwart und Zukunft, oder?Faithfull: Ich lebe in allen drei Zeiten gleichzeitig. Ich bereue die Vergangenheit nicht, ich habe meinen Frieden gemacht mit allem, was geschehen ist. Die Vergangenheit ist wertvoll für mich. Ich lebe nur nicht in ihr.Was empfinden Sie, wenn Sie auf die 50 Jahre zurückblicken?Faithfull: Ich bin sehr, sehr stolz. Ich habe das nicht erwartet. Es kommt mir vor, als hätte ich als große Außenseiterin das Pferderennen gewonnen. Marianne Faithfull tritt am Sonntag, 12. Oktober, 20 Uhr, in der Rockhal in Luxemburg auf. Das Konzert ist ausverkauft.