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"Ich bin schwer auf die Schnauze gefallen"

"Ich bin schwer auf die Schnauze gefallen"

Ein echter Charakter-Darsteller, nicht eben angepasst, bisweilen mit Hang zum Hedonismus: Der Berliner Schauspieler Ben Becker (44) liest am Samstag, 27. Juni, in Wittlich aus Döblins Großstadtroman-Klassiker "Berlin Alexanderplatz". Vorab sprach er mit TV-Redakteur Andreas Feichtner.

Trier/Wittlich. (AF) Verschiedene Rauschmittel, die Bibel, verweigerte Antworten, Westerwelle und die "Bild"-Zeitung - das passt bei Ben Becker alles locker in ein Interview. Voilà!

Franz Biberkopf, der Protagonist aus "Berlin Alexanderplatz", ist ein in mancher Hinsicht liebevoller Verlierer-Typ. So würde man Sie kaum charakterisieren. Steckt dennoch was von Biberkopf in Ihnen?

Ben Becker: Ich beschäftige mich mit Franz Biberkopf seit über zehn Jahren. Damals hatte ich ihn am Theater gespielt. Da wächst einem eine solche Figur irgendwann ans Herz. Wenn er mir keinen Spaß mehr machen und er mir nichts mehr erzählen würde, würde ich mich nicht mehr mit ihm beschäftigen. Aber er ist eine literarische Figur. Eine direkte Verbindung zwischen Biberkopf und mir zu ziehen fände ich übertrieben.

Sie waren in der Jugend einige Jahre lang Punk. Gab es damals schon den Wunsch, die Schauspielerei irgendwann zum Beruf zu machen?

Becker: Schauspieler werden wollte ich immer. Ich wollte nie Feuerwehrmann werden.

Alles eine Sache der Gene? Ihr Vater und ihre Mutter: Schauspieler. Stiefvater Otto Sander und Schwester Meret auch.

Becker: Tja, wenn mein Vater Klempner gewesen wäre, hätte ich den Betrieb wahrscheinlich auch übernommen. Weil die ganze Familie aus dem Bereich kommt, blieb mir gar nichts anderes übrig.

Ihnen haftet das Image des Enfant terrible an. Können Sie selbst mit dieser Einschätzung leben? Oder ist die Allgemeinheit einfach selbst zu angepasst, und Sie sind eher der "Normale"?

Becker: Mir bleibt nichts anderes übrig als mit dem Stempel zu leben, den man aufgedrückt bekommt. Das interessiert die Leute, das finden sie spannend. Ich weiß aber nicht wirklich, was ich mit "Enfant terrible" anfangen soll. Ich gehe manche Sachen sicher unkonventionell an. Ich habe auch eine Zeit lang versucht, meinen Spaß zu haben, und ab und zu den Eulenspiegel gegeben. Damit bin ich ein paar Mal schwer auf die Schnauze gefallen.

Einmal sollen Sie in einer Talkshow Guido Westerwelle ein Stück Haschisch angeboten haben. Ein Politiker könnte sich derlei Freiheiten kaum rausnehmen. Sie schon?

Becker: Sagen wir so: Der Hofnarr hat die Möglichkeit, frech zu sein, die Wahrheit zu sagen oder mal Dinge auf den Kopf zu stellen oder infrage zu stellen. Das habe ich damals provoziert, als ich Westerwelle angeblich Haschisch zugesteckt habe und sagte: "Versuchen Sie das mal, das beruhigt."

Was heißt "angeblich"? War es nicht so, oder erinnern Sie sich nicht mehr?

Becker: Das werde ich Ihnen doch jetzt nicht sagen. Das sei mal dahingestellt und wurde auch so verkauft. Ich fand es jedenfalls ganz komisch und Westerwelle letztlich wohl auch. Aber das ist lange her.

Im vergangenen Jahr haben Sie sich die Bibel vorgenommen, waren damit samt Band auf Lese-Tour. Verraten Sie uns doch Ihre schönste Bibel-Stelle!

Becker: Das weiß ich nicht. Da sind so viele wahnsinnig schöne Stellen drin, und es ist so ein umfangreiches Werk. Am verbundensten fühlt man sich mit dem Neuen Testament - sprich: der Geschichte von Jesus Christus. Einfach, weil wir das Leben dieses Herrn alle kennen. Und wenn dann jemand für uns alle ans Kreuz genagelt wird, dann geht mir das sehr, sehr nahe. Zudem kommen alle Geschichten, die heute noch erzählt werden, schon in irgendeiner Form in der Bibel vor.

Sie hatten vor knapp zwei Jahren nach einem Exzess einen fast tödlichen Zusammenbruch. Hat sich Ihr Leben durch diese - sagen wir - Nah-Tod-Erfahrung verändert?

Becker: Selbstverständlich. Aber das geht keinen was an. Ich habe vor zwei Jahren große Fehler gemacht, war nicht ganz bei mir und habe Substanzen zu mir genommen, bei denen ich Kindern rate, dass sie die Finger davon lassen. Mir ist das passiert - und die Bild-Zeitung hat dann nichts Besseres zu tun als daraus drei Wochen lang Schlagzeilen zu machen. Sie können sich vorstellen, dass das nicht ganz einfach wegzustecken ist und für meine Familie auch nicht eben witzig. Ich habe einen großen Fehler gemacht, den ich nicht wiederholen werde. Man lernt meistens daraus, wenn man mal hinfällt. Aber es ist schön, dass ich wieder aufgestanden bin.

Ben Becker (bekannt aus den Filmen "Schlafes Bruder" oder "Comedian Harmonists") liest am 27. Juni um 20 Uhr im Atrium Wittlich im Rahmen der "Eifel-Kulturtage" aus dem Döblin-Klassiker "Berlin Alexanderplatz". Karten gibt es in den TV-Service-Centern Trier, Bitburg und Wittlich.