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"Ich bin süchtig neugierig"

"Ich bin süchtig neugierig"

TRIER. Am 6. April gastiert der Liedermacher Herman van Veen in der Trierer Europahalle. Im TV-Gespräch erzählt er von Clowns und Helden, von Fans und Fußball – und von seiner Lebensphilosophie.

Ihr Tourneeprogramm heißt "Hut ab". Vor wem zieht Herman van Veen denn seinen Hut?Van Veen: Vor meinen Eltern, meinen Enkelkindern, Nelson Mandela, Jesus Christus... Das ist ja ein breites Spektrum. Was müssen Menschen tun, damit Sie Ihren Hut vor ihnen ziehen?Van Veen: Sie müssen verstehen, was Bedingungslosigkeit bedeutet. Meine Eltern beispielsweise haben nie gesagt: Wenn du das und das tust, dann... Sie haben mich bedingungslos geliebt. Das hat auch viel mit Respekt zu tun. Sie sind gerade 61 geworden, gelten aber immer noch als der ewige Clown. Wie schafft man es, nicht erwachsen zu werden?Van Veen: Weil ich süchtig neugierig bin. Ich höre nicht auf, zu fragen, zu beobachten. Aber das versuchen viele andere auch, und trotzdem geht ihnen diese Fähigkeit irgendwann mit zunehmendem Alter verloren.Van Veen: Weil sie nicht mehr auf Neues neugierig sind, sondern nur noch auf die eigene Vergangenheit. Auf die Frage, was sie irgendwann wo, wie, warum gemacht haben. Das geht mir zum Glück überhaupt nicht so. Aber das ist ein Talent, kein Verdienst. Wenn man so viel arbeitet wie Sie, wo nimmt man denn überhaupt noch Zeit für neue Eindrücke her?Van Veen: Das passiert doch jeden Tag. Wir sind immer woanders, und es ist faszinierend, die Unterschiede zu beobachten. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Stimmung, man muss sich halt ein bisschen damit befassen. Ich war zum Beispiel dieser Tage in Münster, da habe ich vorher ein Buch über die Wiedertäufer gelesen. Total spannend. Und das, was jeden Tag passiert, hat auch Einfluss auf die Vorstellung abends. Im Ernst? Das Programm steht doch lange fest!Van Veen: Nein, das kann sich immer ändern. Die Stadt, in der wir sind, die aktuelle Zeitung, die Tagesschau - kein Tag ist wie der andere, also auch kein Konzert. Im Moment zum Beispiel spielen die traumatischen Fußball-Erlebnisse der Deutschen eine Rolle. Haben Sie als bekennender Fußball-Freak denn für unsere arme Nation einen Trost übrig? Van Veen: Die Deutschen kennen ihre eigene Dramaturgie nicht mehr. Die sind doch vor jedem großen Turnier so schlecht. Dann können sich die Leute richtig ausschimpfen, alle sind sauer, die Spieler rennen nachher doppelt so schnell und kämpfen dreimal so viel. Das ist nicht ungefährlich - für Holland. Wie bereiten Sie sich selbst denn auf den WM-Stress vor?Van Veen: Ich mache eine eigene WM-Talkshow für die Regionalsender. Acht Folgen, ganz gemütlich, im Clubheim vom Fußballverein daheim um die Ecke. Da kann ich das richtig genießen. Wenn man das Gästebuch auf Ihrer Internet-Homepage liest, hat man das Gefühl, dass Sie für ihr Publikum alles andere sind als ein unnahbarer Star. Die meisten wünschen sich, einfach mal mit Ihnen bei einem Rotwein zu sitzen und über Gott und die Welt zu plaudern. Findet so was mal statt oder müssen Sie auf Abstand achten, damit sie nicht aufgefressen werden?Van Veen: Nach den Konzerten ist es oft sehr voll in meiner Garderobe, und das ist auch schön so. Aber dann bin ich irgendwann weg. Meine "Privacy" ist mir sehr wichtig. Vorher habe ich wenig Zeit für Gespräche, weil ich mich ab 15 Uhr extrem auf den Auftritt konzentriere und nicht ansprechbar bin. Daheim bin ich dann gar kein Artist mehr, sondern nur noch Bauer...oder Klodeckel-Reparierer...oder Bastler... Ach, Sie sind handwerklich begabt?Van Veen: Gar nicht, aber ich mache es furchtbar gern. Sie haben neuerdings neben Ihren "großen" Konzerten noch ein kleineres Programm mit Ihrer Gitarristin Edith Leerkes, das "Unter vier Augen" heißt. Macht diese intime Form besonders Spaß?Van Veen: Sehr. Ganz neu ist diese Art Konzert nicht, wir nennen das intern "leipzigen". Klingt rätselhaft.Van Veen: Wir haben immer mal wieder einen Spontan-Auftritt gemacht, ohne Programm. Wir haben einfach gefragt: Was wollt ihr hören, und dann mal gesehen, wie sich das entwickelt. Zufälligerweise war das immer in Leipzig. Und jetzt machen wir das öfter mal angekündigt, in kleinen Sälen. Vor tausend Leuten geht das nicht. Da müssen Sie ja ohne Eric van der Wurff auftreten, der Sie seit 40 Jahren am Klavier begleitet. Geht das überhaupt?Van Veen: Unser Verhältnis kann man eigentlich nicht beschreiben. Ich habe zwei Schwestern, aber keinen Bruder. Vielleicht ist er ein Bruder für mich. Und er hat keine Schwester, vielleicht bin ich ja...(lacht). Im Ernst: Wir sagen gar nicht viel, wir verstehen uns wortlos, es ist auch noch nie laut geworden zwischen uns. Na ja, in Trier wird er ja dann dabei sein. Das ist übrigens auch eine sehr faszinierende Stadt. Wissen Sie das überhaupt noch? Ihr letztes Konzert hier liegt 13 Jahre zurück!Van Veen: Wirklich? Na ja, die Porta Nigra wird ja noch stehen. * Die Fragen stellte unser Redakteur Dieter Lintz.