"Ich blicke nicht zurück im Zorn"

Kunsthistorikerin, Autorin, und geschiedene Ehefrau des bekannten Kunstberaters Helge Achenbach: Dorothee Achenbach erzählt im Gespräch mit dem TV von ihren Erlebnissen, ihren Gefühlen - und ihren Trierer Wurzeln.

 Dorothee Herrig aus Trier-Pfalzel wurde 1980 in der Trierer Europahalle zur „Miss Rheinland-Pfalz“ gekürt. Das Foto kramte sie nun für den TV wieder hervor.

Dorothee Herrig aus Trier-Pfalzel wurde 1980 in der Trierer Europahalle zur „Miss Rheinland-Pfalz“ gekürt. Das Foto kramte sie nun für den TV wieder hervor.

Foto: privat

Der Skandal reichte wochenlang für Schlagzeilen, nicht nur in der Boulevard-, sondern auch in der seriösen Presse: Helge Achenbach hatte als Kunstberater nicht immer ganz legale Wege beschritten. Babette Albrecht, Schwiegertochter von Theo Albrecht, einem der Aldi-Brüder, hatte Achenbach im Zusammenhang mit dem Verkauf von Kunstwerken und Oldtimern an ihren 2012 verstorbenen Ehemann Berthold Albrecht wegen Betrugs durch "verdeckte Preisaufschläge" angezeigt. Es ging um Kunstwerke und Oldtimer, die zu überteuerten Preisen den Besitzer gewechselt haben sollen; von einem Schaden von 60 Millionen Euro war die Rede.

2015 wurde Achenbach zur Zahlung von rund 19 Millionen Euro an die Erben Berthold Albrechts verurteilt - sowie zu einer sechsjährigen Gefängnisstrafe. Hinter Gittern - er ist inzwischen im freien Vollzug - gibt Achenbach Kurse in Kunstgeschichte, wie seine Ex-Frau erzählt.

Dorothee Achenbach wurde 1963 als Dorothee Herrig in Trier-Pfalzel geboren und ging in Trier bei den Ursulinen zur Schule. Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Politikwissenschaft und Germanistik in Trier, München und Paris promovierte sie 1991 und arbeitete als Kunstberaterin bei Achenbach Art Consulting. Nach der Verurteilung ihres Mannes hat sie sich von ihm scheiden lassen, eine eigene Kunstberatungsagentur gegründet - und zwei Bücher über ihre persönlichen Erlebnisse verfasst: "Meine Wäsche kennt jetzt jeder" erschien 2015, einen "Nachschlag" lieferte sie zwei Jahre später mit "Ich liebte Sträfling No 1"; beide sind im Droste Verlag, Düsseldorf, erschienen.

Frau Achenbach, was nicht einmal Karl Marx in Düsseldorf geschafft hat, ist Ihnen als einziger Triererin dort gelungen - dass nämlich eine Straße Ihren Namen trägt. Wie fühlt sich das an?
Dorothee Achenbach: Jetzt haben Sie erraten, weshalb ich meinen Mann damals geheiratet habe! (lacht). Aber im Ernst: Ich werde oft danach gefragt, muss dann aber wahrheitsgemäß beantworten, dass die Achenbachstraße nach den Maler-Brüdern Oswald und Andreas Achenbach aus dem 19. Jahrhundert benannt ist.

Ihr erstes Buch - "Meine Wäsche kennt jetzt jeder" - war Grundlage für den Film "Rheingold" mit Matthias Brandt. Auch Ihr zweites Buch, "Ich liebte Sträfling Nummer 1", das sich wie ein amüsanter Gesellschaftsroman liest, ist der Stoff, aus dem die Sonntagabendprimetime-Movies im ZDF gemacht sind. Haben Sie auch da schon Angebote bekommen?
Achenbach: Ja, ich habe bereits für beide Bücher einen Optionsvertrag mit einer großen Produktionsfirma abgeschlossen, die nun einen Fernsehsender sucht.

So amüsant, wie sich Ihr Buch liest, waren die Tatsachen vermutlich nicht?
Achenbach: Nein, im Gegenteil. Mein Ex-Mann wurde von hier auf jetzt in meiner Anwesenheit nach einer USA-Reise an der Flugzeugtür verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Er wurde von den Erben des Aldi-Nord-Erben auf zunächst 60 Millionen verklagt. Dessen Witwe, die eng mit meinem Ex-Mann befreundet gewesen war, hatte es mit ihrem Anwalt initiiert. Und dann brach etwas los, was der Verteidiger meines ehemaligen Mannes zu Recht einen "wirtschaftlichen und menschlichen Existenzvernichtungsfeldzug" nannte. Auch wir als Familie erlebten Unfassbares, für uns war das Psychoterror. Gerichtsvollzieher kamen in meiner Abwesenheit und begannen vor den Augen der Kinder, die Sachen im Haus zu konfiszieren, sie kamen mehrere Male. Fast jeden Tag füllte der Fall die Schlagzeilen - über ein Jahr lang! Es war der reinste Horror.

Nicht ein einziges Mal erwähnen Sie in Ihrem Buch die Gegenklägerin - auch da weiß jeder, dass es um Babette Albrecht und Aldi geht. Ist das eine Art "Zauberbann", den Sie nicht brechen wollen?
Achenbach: Nein, ich möchte ihren Namen nicht in den Mund nehmen. Es laufen immer noch Verfahren gegen uns, die Witwe beziehungsweise ihr Anwalt hören nicht auf, obwohl bereits alles zerstört ist. Warum man mit all den vielen Millionen nach drei Jahren nicht sagt: "Jetzt lass' ich's mal gut sein" und Frieden schließt, ist mir rätselhaft. Ich habe aber ein gutes Verhältnis zu ihrem Schwager Theo Albrecht jr., mit dem sie beziehungsweise ihre Kinder ja auch juristisch schwer im Clinch liegen.

Sie schildern Ihre Beziehung zu Ihrem Ex-Mann liebevoll und witzig, nur zwischen den Zeilen glaubt man zu lesen, dass Sie ziemlich sauer auf ihn sind. Falls der Eindruck täuscht - wie beschreiben Sie heute Ihr Verhältnis zu ihm?
Achenbach: Wir haben wenig Kontakt, das Kapitel ist für mich abgeschlossen. Ich habe trotz allem fair und respektvoll über ihn geschrieben, obwohl ich wütend war - er ist der Vater meiner Kinder, und wir waren 25 Jahre zusammen. Er hat ja nicht nur Kunden betrogen, sondern auch mich, daher hatte ich mich schon vor der Verhaftung zeitweise von ihm getrennt. Nur wollte ich ihn im Gefängnis nicht hängen lassen, habe zu ihm gehalten, zahllose Briefe geschrieben und ihn alle zwei Wochen besucht. Die Leute standen nicht gerade Schlange ...

Man kann auch im Negativen Positives sehen. Trifft das auch auf Sie zu?
Achenbach: Auch wenn ich zutiefst verletzt und enttäuscht war: Ich blicke nicht zurück im Zorn, sondern sehe heute, dass diese schlimmen Erlebnisse tatsächlich auch Positives gebracht haben. Ich bin unabhängig und selbstständig, bringe die Kinder alleine durch, habe wunderbare Freunde, die immer zu mir standen, und habe in zwei Jahren zwei Bücher geschrieben. So seltsam das klingen mag: Ich bin heute zufriedener und glücklicher als vor dem Zusammenbruch meines alten, angenehmen und unbeschwerten Lebens. Diese Zäsur bot mir die Chance, mich zu entfalten.

Sie berichten von den weltbesten Künstlern, die Sie persönlich kennengelernt haben. Besteht der Kontakt zu diesen Männern und Frauen immer noch in freundschaftlicher Weise - oder ist es eher so, dass mit dem "Wegfall" des Partners auch der Freundeskreis ausdünnt bzw. sich auflöst?
Achenbach: Nein, der Kontakt zu jenen, die vorher echte Freunde waren, besteht bis heute. Mein Ex-Mann hatte ohnehin einen anderen Kreis, er pflegt nützliche Kontakte.

Konnten Sie nach Ihrem "gesellschaftlichen Absturz" in Ihrem Umfeld auch so etwas wie Schadenfreude feststellen? Immerhin haben Sie ja ein sehr gutes Leben geführt, das auch Neider auf den Plan rufen kann.
Achenbach: Neider gibt es sicher bis heute, doch einen gesellschaftlichen Absturz gab es für mich nicht: Man hat zwischen dem Betrüger Helge Achenbach und mir unterschieden. Ich wurde und werde nach wie vor häufig zu schönen Veranstaltungen und natürlich privat eingeladen. Aber Schadenfreude gab es - in anonymen Internetforen konnte man ein erstaunliches Maß an Häme von Leuten erfahren, die einen gar nicht kennen. Und getratscht wird bis heute - aber das amüsiert mich eher. Die Fantasie der Menschen ist scheinbar unbegrenzt.

Erzählen Sie etwas über Ihre Trierer Jugendzeit - Schule, Studienbeginn … Wie kamen Sie zur Kunst? Vorbelastet durchs Elternhaus? Wenn nicht, wie wurde Ihr Studienwunsch zu Hause aufgenommen? Sind Sie selbst künstlerisch tätig?
Achenbach: Trier ist und bleibt meine Heimat, ich habe warme Gefühle zu der Stadt, bin stolz auf ihre lange Geschichte und ihre wunderbaren Bauwerke. Ich habe meine Kindheit und Jugend in Pfalzel verbracht, lange in der Tanzschule Fee Scheer Ballett getanzt und im Angela-Merici-Gymnasium das Abitur abgelegt. Mein Vater hat mich immer mit in Museen und in Galerien geschleppt, und ich mochte das immer schon - im Museum Simeonstift habe ich ein Praktikum absolviert. Die Wahl meiner Studiengänge - Politik-, Literatur- und Kunstwissenschaften - war keine Überraschung für meine Eltern, da ich Journalistin werden wollte. Das bin ich dann auch neben der Tätigkeit in der Kunstberatung geworden. Als ich in Paris promovierte, habe ich für den Trierischen Volksfreund von dort über Ausstellungen berichtet! Außerdem habe ich der Stadt auf anderem Gebiet alle Ehre gemacht (lacht). Ich war mit 17 "Miss Trier" und "Miss Rheinland-Pfalz"! Damals musste ich unserer Schulleiterin Schwester Dorothea versprechen, auf keinen Fall im Bikini über den Laufsteg zu gehen. Daran habe ich mich gehalten und trug als einzige Anwärterin einen Badeanzug. Quietschlila mit weißen Pünktchen und Perlen an den Trägern! Der glänzte derart, dass die Jury bestimmt geblendet wurde.

Wie intensiv ist Ihre Verbindung zu Trier heute?
Achenbach: Ich bin ein paar Mal im Jahr hier - früher hüteten meine Eltern die Kinder, wenn ich wegmusste, heute bringe ich ihnen den Hund ...

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Achenbach: Trotz der Sorgen, die alleinerziehende Mütter plagen, bin ich optimistisch, auch mit meiner Kunstberatung "Black Label Art Consultancy", die ich im letzten Jahr gegründet habe. Ich habe so viel Gutes im Unglück erfahren und bekomme sehr positive Resonanz auf meine Bücher - bei Lesungen oder nach Talkshow-Auftritten. Viele Menschen schreiben mir, ich hätte ihnen mit meiner Offenheit im Umgang mit Erlebnissen wie Gefängnis, Pleite, Betrug und Verlust aller Sicherheit geholfen. Im neuen Buch gibt es ein Kapitel "Kollateralschaden" - das hat Menschen bewegt, die Ähnliches erlebt haben.

Was kann man aus Ihrer Geschichte lernen? Was haben Sie persönlich gelernt?
Achenbach: Ich rate jedem, dem etwas so Lebensprengendes passiert: Man darf sich nicht der Verzweiflung überlassen, muss in allem Kummer versuchen aufzustehen und nicht liegen zu bleiben. Das Leben geht irgendwann weiter - auch wenn das Licht am Ende des Tunnels noch nicht sichtbar ist, weil der Tunnel eine schier endlose lange Kurve macht. Aber es kommt. Bei mir hat es vier Jahre gedauert. Nun bin ich bei mir angekommen. Das ist ein sehr schönes Gefühl.Extra: WEITERES URTEIL

(dpa) Der einstige Kunstberater Helge Achenbach (65) ist auch in einem neu aufgerollten Zivilprozess zu Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe verurteilt worden. Achenbach und zwei seiner insolventen Firmen sollen der Familie des gestorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht 18,7 Millionen Euro zahlen, entschied das Landgericht Düsseldorf am Dienstag. Der wegen Betrugs auch zu sechs Jahren Haft verurteilte Achenbach habe bei Millionenverkäufen von Kunst und Oldtimern an seinen Duzfreund Albrecht unberechtigte Preisaufschläge vorgenommen.